Hasso-Plattner-Institut
 

09.03.2008

Hannover/Potsdam. Viel Technikfrust bei den Besuchern der diesjährigen CeBIT haben die Studenten der "School of Design Thinking" des Hasso-Plattner-Instituts festgestellt. Täglich waren die jungen Spezialisten für erfinderisches Entwickeln in T-Shirts mit der Aufschrift "Technikfrust-Hilfe" über die weltweit größte Computermesse gestreift, um auf die Fährte der bedeutendsten Technik-Tücken zu kommen. Die kreativen Querdenker aus Potsdam hielten hunderte von Negativerlebnissen und Verbesserungs-vorschlägen der Besucher auf Notizzetteln fest. Im "Future Parc" in Halle 9 verarbeiteten sie die jeweils am Vormittag eingesammelten Anregungen gleich mittags zu Innovationsideen und machten diese gegen Ende der Ausstellungstage in ersten Prototypen anschaulich.

Am Eröffnungstag präsentierten Christine Noweski und Oliver Böckmann beispielsweise die Demo-Version eines "Streichelweckers"
als möglichen Ausweg aus dem Technikfrust durch schrilles morgendliches Aufwecken. Das in den Pyjama eingewebte Gerät solle den Schlafenden sanft berühren - "so wie einen früher die Mama geweckt hat", erläuterte Studentin Noweski die Funktionsweise des gebastelten Modells. In der Diskussion mit den CeBIT-Besuchern hatte sich diese Idee durchgesetzt gegen den Prototyp eines Weckers, der zur richtigen Zeit im Schlafzimmer leckeren Duft von Kaffee oder einem Marmeladentoast verbreitet.

Clock-and-Roll-Armbanduhr steuert die Erreichbarkeit übers Handy

Am Mittwoch hatten die Studierenden Christine Schnaithmann und Johannes Seibt überrascht festgestellt, dass viele CeBIT-Besucher zwei oder drei Handys bei sich tragen. "Man will nicht immer für alle Anrufer erreichbar sein und trennt deshalb oft das berufliche und private Angerufenwerden. Allerdings klagen die Leute dann häufig über Synchronisierungs-Probleme und Koordinations-Schwierigkeiten", so Seibt. Der zusammen mit CeBIT-Besuchern nach den Regeln der Design Thinking-Methode gefundene Lösungsansatz für geschäftliche und private Mobiltelefonie: Eine Uhr, die man als Ergänzung zum Handy am Arm trägt. "Diese Clock-and-Roll-Uhr kommuniziert drahtlos mit dem Handy und zeigt auf ihrem digitalen Armband-Display mit Symbolen die kontinuierliche Abfolge der Termine eines Tages an - am laufenden Band", verriet Studentin Schnaithmann. Für jedes Terminsymbol soll der Nutzer einen Erreichbarkeitsstatus festlegen können. Der Modus soll an der Uhr einfach zu ändern sein.

Um die CeBIT selbst ging es am Donnerstag. Die Design Thinking-Studentinnen Antonia Wittmers und Beate Ronnerburger hörten von vielen Messebesuchern, wie schwierig es sei, das Riesenangebot von Ausstellern zu überblicken. Auch wenn die "Messeroute" feststehe, sei es beschwerlich, die gewünschten Stände dann auf Anhieb zu finden, berichteten beide aus Diskussionen mit Messegästen. Nach den Design Thinking Sessions am Stand des Hasso-Instituts schälte sich in der Zusammenarbeit mit den CeBIT-Besuchern ein Vorschlag heraus, der Hightech- und Lowtech-Ansätze vereint: "Die bisher ungenutzten Flächen über den Ständen sollten - ähnlich wie im Supermarkt - mit Decken-Hinweisschildern bestückt werden. An den Ausgängen müssen große Schilder Orientierungspunkte bieten", berichtete Wittmers. Außerdem wollen die kreativen Querdenkerinnen aus Potsdam die Besucher per Elektroroller, ausgestattet mit Informationsdisplays, über die gewünschte Messestrecke führen lassen.

Am Freitag registrierten die Potsdamer Design Thinking-Studenten Alexander Warth und Björn Bethge viele Klagen von CeBIT-Besuchern darüber, wie unverständlich manche Messeauftritte seien. "Neben den allzu oft auf 'Fachchinesich' verfassten Standbeschriftungen sind viele Abkürzungen Erklärungen zu Exponaten für Nicht-Fachleute unverständlich", fasste Warth den Eindruck vieler Gesprächspartner zusammen.  Beispiel: Von mehr als 100 Gesprächspartnern konnte nicht einer das Kürzel CeBIT aufschlüsseln als Akronym für Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation. Mit seinem Kommilitonen Bethge und interessierten CeBIT-Gästen entwickelte Warth flugs einen besonderen Prototypen: eine rollbare Tafel. Damit suchte das Team der Potsdamer "D-School" verschiedene Stände auf und bat das dortige Personal, in zwei Minuten mit Hilfe von Skizzen ihr Exponat zu erklären. Im Anschluss bewerteten Messebesucher die Präsentation. "Mit diesem Kurztest können wir schnell Schwächen in der Präsentation auf der Messe aufzeigen. Jeder Aussteller sollte solch ein Verfahren auf seinen Stand anwenden, dann wird auf der CeBIT vieles klarer werden", bewerteten die Studierenden die Aktion.

Weltfrauentags-Idee: CeBIT-Hallen mit Lounges und Massagen

Am Samstag, dem Weltfrauentag, sprachen Jens Moeke und Frank Zopp die CeBIT-Besucher auf Ideen an, wie die IT-Messe noch attraktiver für Frauen gemacht werden kann. "Viele Frauen wünschen sich mehr einfach verständliche Erklärungen zu den Exponaten", erklärte Moeke. Die befragten Besucherinnen forderten mehr frauenspezifische Technikanwendungen und seien davon überzeugt, dass eine attraktivere optische Gestaltung der Stände noch mehr Frauen anziehen würde. Die Studenten konzipierten auf Anregung der Besucherinnen eine ruhige Lounge, die es mitten in jeder Messehalle geben sollte. "Darin soll es gemütliche Sitzgelegenheiten, Massageangebote und Vitamindrinks geben", erläuterte Jens Moeke. Natürlich sollten auch in den Lounges Informationen zu den CeBIT-Exponaten präsentiert werden. Weitere Ideen: Eine Kinderbetreuung sowie Bekleidungs- und Schuhgeschäfte auf der CeBIT.

Erfolgreiche Bilanz gezogen

Zum Abschluss der CeBIT zog der Leiter der HPI School of Design Thinking, Prof. Ulrich Weinberg, eine erfolgreiche Bilanz: "Das direkte Feedback der Besucher war großartig und für uns hoch wichtig. Ganz offen hat uns mancher berichtet, wie er häufig an der Bedienung seiner viel versprechenden Geräte oder an der Nutzung bestimmter Dienstleistungen verzweifelt". Das Eingehen auf die Bedürfnisse der Nutzer sei neben der Zusammenarbeit in kleinen Teams von Experten aus verschiedenen Fachrichtungen und ständiger schrittweiser Verbesserung der erreichten Ergebnisse ein wesentlicher Bestandteil der Design Thinking-Methode. "Das konnten wir hier gut demonstrieren", sagte der Wissenschaftler. Ziel der Live-Demonstrationen sei es nicht gewesen, marktfähige Lösungen zu präsentieren. "Vielmehr wollten wir zeigen, dass bei Anwendung unserer Methode selbst nach insgesamt nur kurzer systematischer Kreativarbeit innovative Ideen entstehen, von denen die eine oder andere durchaus weiterentwickelt werden kann", betonte der Professor des Hasso-Plattner-Instituts. 

Hinweis: Fotos von den CeBIT-Aktivitäten finden Sie unter
www.hpi.uni-potsdam.de/d-school und unter www.hpi-web.de/cebit.

Kurzprofil
Die "School of Design Thinking" des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts lehrt seit Oktober 2007 Studierende aller Fachrichtungen, mit der Methode des "Design Thinking" innovative Produkte und -Dienstleistungen für alle Lebensbereiche zu entwickeln. Ihr Partner und berühmtes Vorbild: die "d.school" an der US-Eliteuniversität Stanford im Silicon Valley. Revolutionär an der neuen akademischen Zusatzausbildung ist, dass sowohl die vier bis fünf Studenten pro Lerngruppe als auch ihre Professoren und Dozenten jeweils aus unterschiedlichen Disziplinen kommen. So stammen beispielsweise die 40 Studierenden des ersten Jahrgangs aus 30 Fachgebieten. Ihnen steht ein Dutzend erfahrener Professoren und Dozenten aus verschiedenen Fachbereichen Berliner und Brandenburger Universitäten zur Seite. Das zweisemestrige Zusatzstudium am HPI richtet sich an Studierende, die kurz vor dem Diplom-, Master- oder Magister-Abschluss in ihrer Disziplin stehen oder kürzlich ihr Fachstudium beendet haben. Pro Semester werden höchstens 40 Studierende angenommen. Die Studiendauer beträgt ein Jahr - bei zwei Präsenztagen in Potsdam pro Woche. Der erfolgreiche Abschluss wird mit einem Zertifikat des HPI bescheinigt. Von März an kann sich bewerben, wer zum zweiten Studierenden-Jahrgang der HPI School of Design Thinking gehören will. Er startet mit Beginn des Wintersemesters im Oktober.