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CO2-Bilanzierung: Warum Daten für den Klimaschutz entscheidend sind

Einführung

Interview mit Virginie Cauderay

Virginie Cauderay ist Doktorandin an der Universität Potsdam und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hasso-Plattner-Institut im Bereich Informationssysteme. Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre und Business Innovation an der Universität St. Gallen interessiert sie sich für die Einbettung wirtschaftlicher Perspektiven in Diskurse zur ökologischen Nachhaltigkeit. In ihrer Dissertation untersucht sie, wie digitale Technologien, insbesondere Dateninfrastrukturen, das Klimaschutzengagement von Unternehmen beeinflussen, wobei sie sich insbesondere auf die CO2-Bilanzierung konzentriert.

Interview

Deine Forschung konzentriert sich auf die Schnittstelle zwischen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Was hat dich dazu bewogen, diesen Weg einzuschlagen?  

Während meines Masterstudiums in Business Innovation habe ich an der Universität ein zusätzliches Zertifikatsprogramm absolviert, das sich mit der Schnittstelle zwischen Klimawandel und Unternehmenslösungen befasste. Dadurch wurde mir klar, dass ich meine Forschung diesem Bereich widmen wollte. Als ich die Ausschreibung für eine Doktorandenstelle zum Thema digitale Nachhaltigkeit an der Universität Potsdam sah, war ich sofort neugierig.  

Als ich 2023 mit meiner Promotion begann, gab es nur wenige Veröffentlichungen zum Thema digitale Nachhaltigkeit. Eine der grundlegenden Arbeiten definiert digitale Nachhaltigkeit als „die Entwicklung und Anwendung digitaler Ressourcen und Kommunikationstechnologien zum Wohle der Umwelt, der Gesellschaft und des wirtschaftlichen Wohlergehens” (Kotlarsky, Oshri & Sekulic, 2023). Ich fand diesen Fokus auf die Verlagerung der Rolle der Technologie über eine rein wirtschaftliche Logik hinaus wirklich interessant.  

In der Gesellschaft, in der wir leben, sind digitale Technologien unverzichtbar geworden, im Guten wie im Schlechten. Die Diskussion an der Schnittstelle zwischen Digitalisierung und Klimawandel wird in der Wissenschaft schon seit einigen Jahren geführt, blieb jedoch recht fragmentiert. Anstatt diese beiden Themen als getrennte Debatten zu behandeln, wollte ich wissen, wie sie miteinander interagieren. Können digitale Systeme den Klimaschutz unterstützen? Wo entstehen durch digitale Technologien neue Herausforderungen? Wir müssen beide Perspektiven miteinander verbinden, um innovative Lösungen für mehr ökologische Nachhaltigkeit zu finden, ohne die natürliche Umwelt zusätzlich zu belasten. Diese Balance zu finden, ist der schwierige Teil.  

In deiner aktuellen Forschung beschäftigst du dich insbesondere mit Daten für Nachhaltigkeit. Welche Art von Daten interessieren dich und warum sind diese Daten für die Eindämmung des Klimawandels so wichtig?  

Um die globale Erwärmung zu begrenzen, müssen wir die Treibhausgasemissionen drastisch reduzieren. Wenn Unternehmen ihre Emissionen messen und offenlegen, liefern sie Regierungen und anderen politischen sowie wirtschaftlichen Akteur:innen wichtige Informationen. So werden Daten zu einem Hebel für Veränderungen.

Die von Unternehmen ausgestoßenen Treibhausgase werden in verschiedene Kategorien unterteilt. Meine Forschung konzentriert sich insbesondere auf die sogenannten Scope-3-Emissionen. Um zu veranschaulichen, was das bedeutet, hier ein Beispiel: Bei einem Unternehmen, das Smartphones herstellt, entstehen Scope-1-Emissionen durch den Betrieb vor Ort. Scope-2-Emissionen bestehen aus dem Strom, der Heizung und der Kühlung, die das Unternehmen verbraucht. Scope 3 umfasst die vor- und nachgelagerten Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Für das Smartphone-Unternehmen umfasst dies alles von der Extraktion der für das Telefon benötigten seltenen Rohstoffe über den Transport bis hin zur Art und Weise, wie die Verbraucher:innen das Telefon benutzen und aufladen, und sogar wie es letztlich entsorgt oder recycelt wird. Scope-3-Emissionen machen oft den größten Anteil vom CO2-Fußabdruck eines Unternehmens aus. Obwohl sie je nach Branche unterschiedlich sind, stellen sie im Durchschnitt 75 % der gesamten Treibhausgasemissionen eines Unternehmens (CDP, 2023). Aufgrund der ungenauen Datenlage ist es quasi unmöglich, die gesamten Scope-3-Emissionen adäquat zu messen.

Ich habe Unternehmen interviewt, die durchaus bemüht sind, ihre Emissionen akkurat zu messen und möglicherweise zu reduzieren. Leider stehen sie bei der präzisen Messung ihrer Emissionen vor Herausforderungen. Dieser CO2-Bilanzierungsprozess sollte sich in erster Linie auf die Daten stützen, die von den Lieferant:innen bereitgestellt werden, von denen die Unternehmen ihre Ressourcen beziehen. Solche Daten sind in den meisten Fällen allerdings nicht ohne Weiteres verfügbar. Daher greifen die meisten Unternehmen auf externe, spezialisierte Datenbanken zurück. In einigen Fällen könnte diese Abhängigkeit von Datenbanken allmählich an ihre Grenzen stoßen, insbesondere was die von der Regierung geführten Datenbanken betrifft. Angesichts der derzeitigen starken Umweltkritik in vielen Ländern muss die Zuverlässigkeit solcher Datenquellen in Zukunft möglicherweise gründlicher untersucht und diskutiert werden. Letztendlich benötigen sowohl Unternehmen als auch politische Entscheidungsträger zuverlässige Daten zu den Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um wirksame Klimaschutzstrategien zu entwickeln.

Für die Produktion digitaler Technologien werden große Mengen knapper Ressourcen benötigt, und KI-Rechenzentren verbrauchen viel Energie und Wasser. Deshalb meinen einige Menschen, dass die Digitalisierung die Klimakrise eher verschärft, anstatt sie zu bekämpfen. Wie siehst du das?  

Zunächst einmal würde ich die Diskussion über die Digitalisierung von der über KI trennen. Ich glaube, dass Digitalisierung an sich nicht das Kernproblem des Klimawandels ist, solange wir auf den Energieverbrauch von technischen Geräten achten und sie effizienter hergestellt werden (was leider oft noch nicht der Fall ist). Immerhin wäre ohne digitale Infrastruktur keine Emissions-Bilanzierung möglich.  

KI-Rechenzentren hingegen verbrauchen enorme Mengen an Strom und Wasser. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass KI bis 2030 etwa 3 % des weltweiten Gesamtenergieverbrauchs ausmachen wird (IEA, 2025). Das ist beachtlich, vor allem wenn man bedenkt, dass Hunderte Millionen Menschen noch immer keinen Zugang zu Elektrizität haben. Der Wasserverbrauch der Rechenzentren ist ein noch weniger beachtetes Thema. In einigen Regionen konkurrieren große Technologieunternehmen bereits mit der lokalen Bevölkerung um Wasserressourcen zur Kühlung von Rechenzentren. Dies verdeutlicht die Verflechtung von ökologischen und sozialen Ungleichheiten – und die Art und Weise, wie Technologieunternehmen diese Ungleichheiten aufrechterhalten.

Was mich zutiefst beunruhigt, ist das populäre Narrativ „wir werden schon eine Lösung finden“. Viele Tech Leaders und auch Politiker:innen argumentieren, dass erneuerbare Energien das Klima retten werden. Aber was, wenn erneuerbare Energien nicht schnell genug ausgebaut werden können? Wir leben auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen. Unsere Existenz kann nicht auf blindem Optimismus basieren.

Das bedeutet nicht, dass ich gegen KI bin. Es gibt eindeutig nützliche Anwendungsbereiche – zum Beispiel in der medizinischen Forschung oder bestimmten wissenschaftlichen Bereichen. Aber brauchen wir KI in jedem Haushaltsgerät? Brauchen wir sie in Kühlschränken und Waschmaschinen? Oder ist das eher durch die Logik des Wirtschaftswachstums als durch Notwendigkeit und gesellschaftliches Wohlergehen motiviert?  

Wir sollten eine offene gesellschaftliche Debatte darüber führen, wo KI einen echten Mehrwert schafft und wo sie lediglich den Konusm und den Ressourcenverbrauch erhöht. Die Digitalisierung kann ökologische Nachhaltigkeit vorantreiben, aber Umfang und Zweck spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Klimaforscher:innen sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir die globale Erderwärmung auf 1,5 °C begrenzen können. Was sollten politische Entscheidungsträger:innen – insbesondere in Bezug auf Daten – tun, um die Erderwärmung wirksam zu begrenzen?  

Zunächst einmal sollte die Messung von Scope-3-Emissionen global verpflichtend werden, insbesondere für große Unternehmen. Das bedeutet auch, dass Regierungen detaillierte Richtlinien zu den genauen Emissionen formulieren sollten, die gemeldet werden müssen. Klare Vorschriften mit einheitlichen Regeln ermöglichen Unternehmen langfristige Stabilität. Zweitens brauchen wir dringend genauere Datenbanken und eine digitale Infrastruktur, die es Unternehmen ermöglicht, ihre Emissionen leichter nachverfolgen zu können.  

Parallel zur Entwicklung von Strategien zur Eindämmung des Klimawandels müssen wir Strategien zur Anpassung an den Klimawandel entwickeln. Selbst wenn es uns gelingt, die Emissionen deutlich zu reduzieren, ist es wahrscheinlich, dass wir die 1,5 °C früher als bislang erwartet überschreiten werden. In vielen Teilen der Welt sind die Auswirkungen des Klimawandels bereits sehr real zu spüren. Anpassungsstrategien müssen ebenso wie Eindämmungsstrategien auf nationaler und regionaler Ebene Priorität haben.  

Letztendlich ist die Klimakrise ein komplexes Problem, das ganzheitliche Lösungen erfordert. Es lässt sich nicht mit einer einzigen Maßnahme lösen – weder durch Digitalisierung, noch durch Emissionsberichterstattung, noch durch Märkte. Wir brauchen eine grundlegendere politische Vision für eine Gesellschaft, die innerhalb der planetaren Grenzen prosperieren kann. Die Politik muss die Klimakrise als die strukturelle Herausforderung behandeln, die sie ist. Marktbasierte Mechanismen wie der Emissionshandel können Teil des Instrumentariums sein, aber wollen wir wirklich darauf vertrauen, dass sich die Märkte von allein regulieren? Die Politik muss große Unternehmen stärker für ihre Treibhausgasemissionen zur Verantwortung ziehen, um sie bei einem tiefgreifenden ökologischen Wandel zu unterstützen. Daten können eine wichtige Grundlage für die Entwicklung solcher koordinierter Maßnahmen sein.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Quellen: 

Kotlarsky, J., Oshri, I., & Sekulic, N. (2023). Digital Sustainability in Information Systems Research: Conceptual Foundations and Future Directions. Journal of the Association for Information Systems, 24(4), 936–952. DOI: 10.17705/1jais.00825  

CDP. (2023). CDP Technical Note: Relevance of Scope 3 Categories by Sector. https://cdn.cdp.net/cdp-production/cms/guidance_docs/pdfs/000/003/504/original/CDP-technical-note-scope-3-relevance-by-sector.pdf 

IEA. (2025). Energy and AI. IEA. https://www.iea.org/reports/energy-and-ai 

Lektüre für mehr Einblicke zum Thema

Jean-Marc Jancovici and Christoph Blain (2024). World without an End (graphic novel). 

Timothée Parrique (2025). Slow Down or Die.

Kate Raworth (2017). Doughnut Economics.

Donella Meadows (1972). The Limits to Growth.

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