Welche Stärke bringen wir aus deiner Sicht in einen Innovationsprozess ein?
Marc Stussak: Wir Menschen sind gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir nehmen nicht nur wahr, was gesagt wird, sondern auch wie etwas gesagt wird. Wir können empathisch sein, uns in andere Perspektiven hineinversetzen und Bedeutungen erkennen, die nicht ausdrücklich formuliert werden.
In Interviews mit potenziellen Nutzer:innen zeigen sich häufig Bedürfnisse, Wünsche oder Spannungsfelder, die den Interviewpartner:innen selbst noch nicht vollständig bewusst sind und deshalb nicht direkt benannt werden. Sie äußern sich oft indirekt: in Nuancen, Widersprüchen, beiläufigen Bemerkungen oder emotionalen Reaktionen. Mit entsprechender Erfahrung und methodischer Schulung können wir diese Signale wahrnehmen, interpretieren und daraus ein tieferes Verständnis für Bedürfnisse, Motivationen und Spannungsfelder entwickeln.
Zu Beginn eines Innovationsprozesses geht es darum, zukünftige Bedarfe von Nutzer:innen und weiteren relevanten Akteur:innen zu erkennen und einzuordnen. Daraus entstehen Erkenntnisse, die die eigentliche Fragestellung für ein neues Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell schärfen. Diese Erkenntnisse bilden später die Grundlage, um relevante Ideen zu entwickeln, Prototypen zu gestalten und Lösungen zu testen. Werden tieferliegende Bedürfnisse übersehen, bleibt Innovation häufig nah am Bestehenden.
Und welche Stärken bringt KI ein?
Da stehen wir sicher noch am Anfang und haben die Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. Ich schätze KI besonders dann, wenn eine komplexe Datenbasis aus Interviews mit Nutzer:innen und relevanten Akteur:innen vorliegt und es darum geht, wiederkehrende Themen, Zusammenhänge, Spannungsfelder und mögliche Muster systematisch herauszuarbeiten.
Gleichzeitig entstehen die wertvollsten Erkenntnisse selten allein aus Mustern. Entscheidend ist, wie wir diese Muster interpretieren: Welche Bedürfnisse werden sichtbar? Welche Spannungsfelder zeigen sich? Welche Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten, die später als Inspiration für neue Lösungen dienen können?
In meiner Arbeitsweise wird KI besonders dann wertvoll, wenn das Team bereits eine erste eigene Deutung entwickelt hat. Dann kann sie helfen, zusätzliche Muster sichtbar zu machen, alternative Lesarten anzubieten und die eigene Interpretation aus einer weiteren Perspektive zu prüfen. Wichtig ist dabei: KI liefert keine objektive Wahrheit, sondern eine durch Prompts geprägte Perspektive, die reflektiert eingeordnet werden muss.
Wie schärfst du in Workshops und Projektbegleitungen die Aufmerksamkeit von Teams für jene Signale und Nuancen, die auch im Zeitalter von KI nicht verloren gehen dürfen?
Marc Stussak: Wenn uns Ergebnisse aus Interviews mit Nutzer:innen vorliegen, arbeiten wir im Team zunächst selbst mit dem Material. Wir identifizieren Aussagen, die relevant, überraschend oder widersprüchlich erscheinen, und interpretieren anschließend, was dahinterliegt: Bedürfnisse, Motivationen, Spannungsfelder oder unausgesprochene Erwartungen.
Dieser Schritt ist zentral, weil Innovation nicht aus einer einzelnen Aussage im Interview entsteht, sondern aus der Übersetzung von Beobachtungen in Erkenntnisse. Erst wenn wir verstehen, welches Bedürfnis oder Spannungsfeld hinter einer Beobachtung liegt, kann daraus eine relevante Inspiration für neue Lösungen werden.
Anschließend kann KI gezielt als zusätzliche Reflexionsebene eingesetzt werden. Sie analysiert dieselbe Datenbasis anhand bewusst formulierter Prompts und kann helfen, ergänzende Muster sichtbar zu machen, alternative Interpretationen zu prüfen oder bekannte Biases im Team zu hinterfragen.
Danach legen wir die menschliche Analyse und die KI-gestützte Perspektive nebeneinander. Wir prüfen, welche Erkenntnisse sich decken, welche Aspekte wir möglicherweise übersehen haben und an welchen Stellen unterschiedliche Interpretationen entstehen. Gerade diese Unterschiede führen oft zu den spannendsten Diskussionen.
So entsteht kein Entweder-oder zwischen menschlicher und maschineller Perspektive, sondern ein bewusster Abgleich unterschiedlicher Sichtweisen. Die Teams stärken ihre Beobachtungsfähigkeit, ihre Interpretation und ihre Urteilskraft. Gleichzeitig nutzen sie KI, um blinde Flecken sichtbar zu machen, eigene Annahmen zu reflektieren und den Weg von Erkenntnissen zu potenziell innovativen Lösungen fundierter zu gestalten.
Vielen Dank für das Gespräch.