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Wer führt hier wen? Über menschliche Handlungsmacht im Zeitalter der KI

Editorial

Wir sind einen Schritt weiter im Zusammenleben mit einer noch recht jungen Erdenbewohnerin: der künstlichen Intelligenz. Was anfangs vor allem Staunen auslöste – mal euphorisch, mal misstrauisch, fast wie bei einer neu entdeckten Spezies im Zoo –, ist inzwischen einer nüchterneren und zugleich spannenderen Frage gewichen: Wie gestalten wir eigentlich unsere Beziehung zu diesem neuen Gegenüber?

Denn eines ist bei den meisten angekommen: KI wird nicht wieder verschwinden. Umso wichtiger ist es, sie nicht nur als Werkzeug zu betrachten, sondern als Teil eines neuen Zusammenspiels. Wer mit KI arbeitet, muss einschätzen können, was sie kann, wo sie irrt, wie sie beeinflusst wird und wie leicht auch wir selbst beeinflussbar sind.

Ein Blick auf die Vorträge und Debatten im Programm der re:publica 2026 zeigt deutlich: Die Faszination für die Technologie allein reicht nicht mehr aus. Die Fragen sind grundlegender geworden. Wer kontrolliert KI? Wem nützt sie? Wen macht sie abhängig? Und welche sozialen Kosten entstehen, wenn Maschinen immer stärker in unsere Arbeits-, Entscheidungs- und Beziehungsräume hineinwirken? Der Rauch um die Technologie hat sich also etwas verzogen. Jetzt geht es ans Eingemachte. Wir beginnen zu verstehen, dass KI nicht nur durch Trainingsdaten geprägt und manipulierbar ist. Auch wir Menschen sind es – über Emotionen, Vertrauen, Routinen und Nähe. KI als Beziehungs- und Abhängigkeitsmaschine: Das ist gruselig. Einerseits.

Andererseits liegt genau darin der Anstoß, eine entscheidende Frage neu zu stellen: Wie wollen wir Menschen eigentlich mit künstlicher Intelligenz zusammenarbeiten? Und fast noch wichtiger: Wie werden wir der Verantwortung gerecht, dass am Ende immer noch wir Menschen entscheiden, was Maschinen in unserem Namen tun dürfen?

Dafür müssen wir nicht nur KI besser verstehen, sondern auch uns selbst. Wir müssen erkennen, wann wir urteilen, wann wir vertrauen, wann wir folgen und wann wir manipuliert werden. Zum Beispiel, wenn wir einer vertrauten Stimme sofort Glauben schenken und dabei gar nicht bemerken, dass sie längst von einer KI nachgebildet oder neu arrangiert wurde.
Genau hier setzten zwei Teams der HPI d-school an. Gemeinsam mit dem Potsdamer Startup VoiceChain entwickelten sie mithilfe von Design Thinking Ansätze, wie Vertrauen in die Echtheit von Stimmen auch in Zeiten synthetischer Audioinhalte erhalten bleiben kann. Die Frage dahinter ist hochaktuell: Wie schaffen wir Orientierung, wenn selbst das Vertraute technisch reproduzierbar wird?

Noch grundsätzlicher geht das neue Whitepaper von Samuel Tschepe vor: „The Agency Continuum – Ein strategischer Rahmen für die Orchestrierung menschlicher und künstlicher Intelligenz“. Darin untersucht er anhand von fünf Szenarien, wie sich Handlungsmacht – also Agency – zwischen Mensch und Maschine bewusst verteilen lässt. Die zentrale Verschiebung ist dabei bemerkenswert: Der Mensch ist nicht mehr nur Nutzer oder Entscheider, sondern wird zum Orchestrator. Seine Aufgabe ist es, das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz bewusst zu gestalten: mal steuernd, mal delegierend, mal überprüfend und mal ganz ohne KI.

Das setzt voraus, dass wir Arbeits- und Entscheidungssituationen sehr genau analysieren. Was brauchen wir in einer konkreten Situation wirklich von der KI? Unterstützung? Entlastung? Perspektivwechsel? Automatisierung? Oder gerade eine bewusste Pause? Das ist kein leichtes Unterfangen – schließlich fällt es uns oft schon im Zwischenmenschlichen schwer, klar zu formulieren, welche Art von Unterstützung wir eigentlich benötigen.

Im Interview erläutert Samuel Tschepe, was ihn zu diesen Überlegungen geführt hat, welche Muster er in Diskussionen mit Seminarteilnehmenden beobachtet und warum Human-AI-Agency vor allem eines verlangt: mehr Bewusstsein dafür, wann wir führen, wann wir folgen und wann wir besser noch einmal innehalten sollten.

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