Artikel

Standpunkt finden, Zusammenarbeit stärken

Einführung

Wie Teams Fokus herstellen – und warum KI dabei Fluch und Segen zugleich sein kann

Ein Standpunkt – im Design Thinking oft „Point of View“ genannt – ist mehr als eine individuelle Einschätzung. Er ist der erste echte Entscheidungsmoment, der die Grundlage einer Zusammenarbeit im Team oder die nächsten Schritte in einem Innovations- oder Entwicklungsvorhaben festlegt. Dieser Moment ist kraftvoll, aber anspruchsvoll: Er kostet Energie und entsteht selten von allein. Es ist der Punkt, an dem das Team beantworten kann: „Worauf fokussieren wir uns?“ Bis dahin wurden verschiedene Situationen beobachtet, unterschiedliche Informationen gesammelt und – wie wir es in meinem Forschungsgebiet nennen – Orientierungen basierend auf diversen Erfahrungen und Wahrnehmungen formuliert und im Team ausgehandelt. Das Ergebnis ist ein Standpunkt, der Hand und Fuß hat. Besser als ein allgemein formulierter Standpunkt, der alle Orientierungen wild zusammenwürfelt, sind mehrere, sehr konkret formierte Standpunkte. 
 

Entscheidend ist: Ein Standpunkt ist nicht nur Wahrnehmung, sondern Commitment – ein Ausgangspunkt, von dem aus gemeinsam weitergearbeitet wird. Diesen Übergang aktiv zu gestalten, ist eine zentrale Kompetenz im Arbeitsalltag – für Teammitglieder, Führungskräfte, Innovationsmanager:innen sowie Facilitators und Coaches.

Ein Artikel von Dr. Andrea Rhinow.

Dr. Andrea Rhinow

Innovationsprojekte: Der Standpunkt als „erste ernsthafte Wette“

In Innovationsprojekten markiert der Standpunkt den Übergang von Exploration zu Fokus. Zu Beginn steht ein eher allgemein formuliertes Problem, im Design Thinking auch „Challenge“ genannt. Wie nähert man sich nun einem tragfähigen Standpunkt an, den alle Beteiligte als gemeinsame Ausgangsbasis anerkennen? Zunächst werden unterschiedliche Themenfelder, die für das Problem und seine Lösung relevant erscheinen, geöffnet und eruiert, wie sich das Problem in unterschiedlichen Kontexten darstellt. Die Erkenntnisse daraus ermöglichen den nächsten Schritt: Die Beteiligten müssen entscheiden, welchen konkreten Aspekt des Problems sie wirklich lösen und welche Zielrichtung sie verfolgen wollen. Schließlich wird die ursprünglche Formulierung des Problems, die Challenge, mit Hilfe des gemeinsam definierten Standpunktes re-formuliert und so geschärft, dass sie auf tatsächliche Erfahrungen und nicht, wie meist in der ersten Version der Problemformulierung, auf bloßen Annahmen basiert.

Design Thinking hilft bei der Formulierung des Point of View: Sie beschreibt Nutzende (User), Bedürfnis (Need) und den spezifischen Kontext (Insight). Die Nutzenden sind meist klar; schwierig ist die Trennlinie zwischen Need und Insight. Das Bedürfnis (z. B. Durst) müssen wir akzeptieren – es lässt sich nicht umgestalten, egal wie innovativ das Produkt ist oder wie vehement es vermarktet wird (z.B. Zuckerwasser löscht den Durst). Das Bedürfnis „Durst“ bleibt bestehen. Der Insight beschreibt den Kontext oder das Hindernis, an dem Gestaltung ansetzen kann (z. B. „In der Wüste gibt es kein Wasser“ oder „Im Büro ist der Wasserautomat kaputt“). Diese Differenzierung macht den Point of View konkret und verhindert, dass Teams versuchen, das Unveränderliche zu „lösen“, statt an beeinflussbaren Faktoren zu arbeiten.


Führungskräfte, Innovationsmanager:innen und Teammitglieder müssen erkennen, wenn sie an Dingen arbeiten, die sie nicht beeinflussen können – und das Team wieder in konstruktive Bahnen lenken.

Teamarbeit im Alltag: Perspektiven sind viele – Standpunkt ist einer

In der Teamzusammenarbeit nutze ich statt „Point of View“ lieber den Begriff „Standpunkt“. Perspektiven entstehen aus Erfahrungen, Erlebnissen und gelernten Deutungen der einzelnen Teammitglieder. In der Zusammenarbeit treffen diese Orientierungen aufeinander – meist nicht völlig gegensätzlich, sondern unterschiedlich gewichtet und von verschiedenen Kontexten ausgehend. Der Standpunkt entsteht dort, wo ein Team aktiv entscheidet: Welcher Perspektive geben wir mehr Bedeutung – und warum? Das erklärt auch, warum Standpunktbildung oft scheitert: Sie verlangt Aushandlung, Nachfragen, Klärung – also Arbeit. Damit ein Team an einem Strang zieht, braucht es das Commitment jedes Mitglieds zum gemeinsam definierten Standpunkt. Es lohnt sich, diese Aushandlungsenergie zu investieren, um Zusammenarbeit langfristig tragfähig zu machen.

Führung: Warnsignale erkennen und Entscheidungen begründen

Für Führungskräfte ist die Kompetenz, einen Standpunkt zu definieren, doppelt relevant. Erstens, weil Führung Entscheidungen begründen muss, warum eine Richtung gewählt wird – und warum andere Orientierungen in dieser Situation weniger Beachtung finden.
Zweitens, weil sie unterschiedliche Orientierungen im Blick behalten müssen: Wo „bröckelt“ der gemeinsame Kurs? Wann wird ein Projekt zum „Zombieprojekt“, das nur noch aus investierter Vergangenheit lebt? 

Hilfreich ist hier Sensibilität für „Skin in the Game“: Wenn Menschen echte Konsequenzen tragen (Jobrisiko, Verantwortung, Betroffenheit), steigt der Druck, einen tragfähigen Standpunkt zu finden. Ist dieses „Skin in the Game“ nicht vorhanden, ist in der Regel das Commitment zum Standpunkt gering. Umgekehrt kann es auch hilfreich sein, wenn Beteiligte weniger betroffen sind – etwa Studierenden-Teams, die Projektpartnern unangenehme Wahrheiten direkt spiegeln können. Führung heißt dann, die Dynamik einzuschätzen und Verantwortung sowie Betroffenheit so zu gestalten, dass eine gemeinsam akzeptierte Basis geschaffen wird und Projekte nachhaltig vorankommen.

Werkzeuge, die aus Orientierung Einigung für einen Standpunkt machen

Der wichtigste Hebel ist eine Kompetenz, die banal klingt, aber selten beherrscht wird: die eigene Orientierung zu externalisieren – so, dass andere sie verstehen, ohne dass es sofort als Überzeugungsversuch wirkt. Daraus folgt ein zweiter Schritt: Aushandlungen ermöglichen, indem Teammitglieder aktiv nachfragen („Warum?“, „Was meinst du genau damit?“) und so implizites Wissen sichtbar machen. Das zeigt das Beispiel Autofahren: Den Schulterblick beim Abbiegen erwähne ich vielleicht nicht, ich mache ihn einfach. Ein „Newbie“ fragt jedoch: „Warum schaust du so weit nach hinten?“ So kommt implizites Wissen an die Oberfläche. 

Ganz praktisch hilft:

  • Gespräche/Interviews, besonders mit Nicht-Expert:innen („dumme Fragen“ sind Gold). Das deckt blinde Flecken auf und erhöht die Tragfähigkeit des Standpunktes.
  • Bewusstes Trennen von Sammeln und Bewerten: erst Optionen ohne Urteil, dann Kriterien und Entscheidung.


Im dritten und letzten Schritt geht es, wie oben beschrieben, um die Re-Formulierung der Ausgangsproblematik bzw. der ursprünglichen Challenge basierend auf den ausgehandelten Orientierungen. 

Hierbei hilft:

  • Iterationen einplanen: Wenn der Standpunkt bröckelt, nicht ignorieren, sondern zurückspringen, neu formulieren, weitere Fragen stellen und nachschärfen.
  • Persönlich wachsen: Zum gemeinsamen Standpunkt beitragen

Eine Design-Thinking-Ausbildung stärkt nicht nur Methodenwissen, sondern auch Selbstwahrnehmung. Sie ermöglicht, kleine Feinheiten mit großer Wirkung bewusst einzusetzen: Wann sammeln wir? Wann experimentieren wir – und wann ist Experimentieren vorbei? Wann entscheiden wir? Wer das übt, lernt auch über sich selbst: Welche Orientierungen habe ich nie beachtet? Wo sind meine blinden Flecken? Bin ich wirklich „ideenlos“ – oder fehlte mir ein Prozess, der Ideen sichtbar macht? Die Koch-Analogie bringt es auf den Punkt: Es macht einen Unterschied, ob man alles gleichzeitig in den Topf wirft oder Schritt für Schritt abschmeckt und nachjustiert.

KI im Team: Turbo für Ideen – Risiko für echte Einigung

Künstliche Intelligenz bringt eine neue Dimension in Teams, in denen ein gemeinsamer Standpunkt entwickelt wird. Sie kann beschleunigen, aber auch verzerren. 

Positiv: KI liefert in Sekundenschnelle Perspektiven jenseits des Teams (z.B. sich die Perspektive auf ein Problem „aus Sicht eines Handwerkers“ andeuten oder sich konträre Argumente, und alternative Framings beschreiben zu lassen) und kann zu Rechercheideen anregen, die Aushandlungen über die Gewichtung und Integration der Ergebnisse aber nicht ersetzen. 

Risiko: Viele Tools sind darauf optimiert, zu gefallen – die generierten Antworten spiegeln häufig die Fragestellung, statt blinde Flecken klar offenzulegen. Damit wächst ein großer Block nicht erfahrungsbasierter Meinungen: plausibel klingend, aber ohne realen Bezug. Für Teams heißt das: KI kann Inputs liefern, aber das Commitment zu einem Standpunkt muss im Team entstehen. Sonst droht „erschöpfte Zustimmung“ – man nimmt den KI-Vorschlag, weil niemand mehr Energie zu letzten Aushandlungen hat. 

Die Antwort auf diese Dimension eines „KI-basierten Teammitglieds“ ist keine „Zähmung“, sondern das Training der menschlichen Teammitglieder: Unterscheiden zwischen eigener Erfahrung, Fakten, Annahmen und Interpretation; semantisch präzise Prompts formulieren; und jederzeit bereit sein, den Standpunkt iterativ weiterzuentwickeln. In einer Welt mit KI wird so Agilität weniger Innovationsideal als Überlebensfähigkeit: Entscheidungen müssen auch für Führungskräfte revidierbar sein, ohne Gesichtsverlust, mit der Überzeugung, dass mit jeder Iteration die Qualität des Standpunkts und die Basis der Zusammenarbeit steigt.

Der Artikel auf einen Blick

Ein Standpunkt (Point of View) ist der Moment, in dem ein Team aus vielen Beobachtungen und Perspektiven einen verbindlichen Fokus setzt – und damit die Grundlage für gemeinsames Handeln legt. Der Artikel zeigt, warum diese Fähigkeit besonders in Innovationsprojekten, im Teamalltag und in Führung entscheidend ist, etwa um „Zombieprojekte“ zu erkennen, Verantwortung einzuordnen und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Er beschreibt konkrete Wege, wie Einigung gelingt: Orientierungen sichtbar machen, gezielt nachfragen, Sammeln und Bewerten trennen sowie den Standpunkt iterativ nachschärfen. Außerdem wird deutlich, wie Design Thinking dabei auch die Selbstwahrnehmung stärkt – und warum KI zwar schnell neue Perspektiven liefert, aber echte Einigung im Team nicht ersetzen kann.

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