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Wenn der öffentliche Sektor auf Design Thinking trifft

Einführung

Interview with Maria-José Juarez

María-José verbindet die Welten von Politik, Design und sozialer Innovation mit einem scharfen Blick für systemische Veränderungen. Von Anti-Korruptionskampagnen in Mexiko bis zur Gründung von Labs für politische Innovation in Deutschland – sie wird stets von einer Frage angetrieben: Wie können wir öffentliche Institutionen gerechter, menschlicher und reaktionsfähiger machen? In diesem Interview erzählt sie von ihrem Weg von der Politikwissenschaft zum Prototyping, reflektiert über die alltäglichen Reibungen und stillen Durchbrüche bei Innovationen innerhalb von Regierungssystemen und erklärt, warum der öffentliche Sektor nicht nur ein Raum für Reformen ist, sondern eine leistungsstarke Arena für Co-Kreation und demokratische Erneuerung.

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Führungskräfte, Professionals, Projektpartner:innen, Student:innen, junge Berufstätige

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Interview

Öffentlicher Dienst, persönliche Leidenschaft – wie kam es dazu?

Mein Engagement im öffentlichen Sektor reicht weit zurück. Ich habe Politikwissenschaft studiert und mich früh in politischen Parteien engagiert, wo ich Aufklärungskampagnen zum Thema Menschenhandel in Mexiko durchgeführt habe, während die meisten meiner Freunde noch auf der Suche nach den besten Tacos nach dem Unterricht waren.

Der eigentliche Wendepunkt kam jedoch während meines Studiums. Ich hatte einen Moment der Erkenntnis, als mir bewusst wurde, wie privilegiert ich war, eine private Universität in einem Land zu besuchen, in dem die meisten Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben und keinen Zugang zu guter Bildung haben. Aus dieser Erkenntnis entstand Mexiro, eine NGO, die ich mitbegründet habe und die sich bis heute für nachhaltige Entwicklung und Korruptionsbekämpfung einsetzt.

Spulen wir ein wenig vor: Vor etwa zehn Jahren bin ich nach Deutschland gezogen, um an der HPI d-school Design Thinking zu studieren. Dort bin ich in die Welt der öffentlichen Innovationsprojekte gestolpert. Eins führte zum anderen (wie so oft, wenn Neugier und Bürokratie aufeinanderprallen), und ich absolvierte einen Master in Public Policy an der Hertie School mit dem Schwerpunkt Policy Innovation Labs, also im Grunde genommen sicher(er)e Räumen, in denen Politik auf Kreativität trifft und sich weiterentwickeln darf.

„Innovation im öffentlichen Sektor“ – Oxymoron oder Chance?

Das hängt vom Tag und der Laune der Person ab, die deine Unterlagen abstempelt.

Aber im Ernst: Es ist definitiv eine Chance. Sicher, öffentliche Einrichtungen sind nicht gerade für ihre Schnelligkeit oder Flexibilität bekannt (es sei denn, es geht darum, wie schnell deine Einwanderungsgenehmigung nicht eintrifft). Aber genau deshalb sind sie reif für Innovationen. Es gibt so viel Raum zum Überdenken, Neugestalten und Neuentwerfen.

Was mich am meisten begeistert, ist, dass es bei Innovationen im öffentlichen Sektor nicht um auffällige Technologien oder die neuesten Trends geht. Es geht darum, Systeme zu verändern, die das Leben von Millionen von Menschen beeinflussen. Es geht darum, Politik menschlicher, Dienstleistungen zugänglicher und Entscheidungen integrativer zu gestalten. Da zeigt sich echte Wirkung, und das ist unglaublich motivierend. Setzen wir uns für eine bürgerorientierte Politikgestaltung ein!

Und seien wir ehrlich: Wenn sich im öffentlichen Sektor etwas Kleines ändert, kann das wie ein Wunder wirken. Aber wenn größere Veränderungen stattfinden? Dann wird einem klar: Hier kann Design Thinking die Demokratie verbessern.

Warum hat Innovation im öffentlichen Sektor Ihrer Meinung nach oft einen schlechten Ruf?

Meiner Erfahrung nach denken die Leute, wenn sie „Verwaltung“ und „Innovation“ im selben Satz hören, dass jemand einen Witz macht.

Die Wahrheit ist, dass Innovationen im öffentlichen Sektor oft Schwierigkeiten haben, nicht weil die Menschen sich nicht bemühen, sondern weil die Systeme, in denen sie arbeiten, nicht gerade für Veränderungen ausgelegt sind. Stell dir vor: Bürokratie trifft auf Agilität. Die einen lieben einen guten mehrstufigen Genehmigungsprozess, die anderen leben von Post-its und Prototypen. Da fliegen die Fetzen ... aber nicht immer im positiven Sinne.

Auch die Art und Weise, wie Erfolg gemessen wird, ist nicht aufeinander abgestimmt. Beamte müssen sich oft mit komplexen Verantwortungsstrukturen, politischen Zeitplänen und nicht zuletzt Wahlen auseinandersetzen. So können selbst großartige Ideen auf Eis gelegt, verzögert oder vergessen werden, wenn die Führung wechselt. Kontinuität? Das ist eher ein Wunschtraum als eine Selbstverständlichkeit.

Aber lass uns klar sein: Der schlechte Ruf ist nicht immer gerechtfertigt. Es gibt sehr wohl Innovationen, nur oft still und leise, hinter den Kulissen der Verwaltung, hinter politischen Überprüfungen und hinter jemandem, der eine handschriftliche Unterschrift verlangt. Deshalb ist es Teil der Arbeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Feiert die Erfolge, teilt die Geschichten und zeigt, dass Regierungen sehr wohl innovativ sein können und es auch sind.

Dein Lieblingsmoment in einem Projekt im öffentlichen Sektor – was hat ihn so besonders gemacht?

Das war wohl das Local Lab Potsdam, eine Zusammenarbeit zwischen der HPI d-school und der Stadt Potsdam im Jahr 2019. Ich hatte das Vergnügen (und die Herausforderung!), das Projekt zu coachen, und ehrlich gesagt war es ein Traumteam-Moment.

Das Team hat es absolut perfekt gemacht, von der gründlichen Recherche der Stakeholder (Bürger:innen, politische Entscheidungsträger:innen, sogar Leute aus der Wissenschaftsetage, wo das Labor konzipiert wurde) bis hin zu Co-Design-Sessions, die eher wie Community-Jam-Sessions als wie starre Workshops wirkten.

Was mir besonders gut gefallen hat? Wir haben einen gamifizierten Ansatz verwendet, um das Konzept zu validieren: Die Teilnehmenden haben mit speziell angefertigten Karten verschiedene Szenarien für das Labor durchgespielt. Das machte die Strategie spielerisch, kollaborativ und konkret.

Sie haben Arbeitsabläufe entworfen, Ideenfindungsworkshops mit internen Mitarbeitenden durchgeführt und gemeinsam eine Vision für die Aufgaben des Labors entwickelt. Und es hat funktioniert! Heute ist das Labor in Betrieb, veranstaltet Aktivitäten und dient als reales Beispiel dafür, wie öffentliche Innovation aussehen kann, wenn Design Thinking auf lokale Behörden trifft, die neugierig und engagiert sind.

Außerdem: Wie oft kann man schon sagen, dass man bei der Gründung eines Policy Innovation Lab mitgeholfen hat, das tatsächlich existiert und nicht nur ein weiteres PDF ist?

Aus deiner Arbeit an der HPI d-school: Welche Themen aus dem öffentlichen Sektor tauchen in Design Thinking-Projekten immer wieder auf?

Wir haben unsere üblichen Verdächtigen. Diese Themen tauchen so oft auf, dass sie praktisch einen eigenen Schreibtisch in der HPI d-school haben:

  • Menschenzentrierte Governance – Wie schaffen wir Systeme für Menschen, die sich tatsächlich so anfühlen, als wären sie für Menschen entworfen worden? Das ist die große, schöne Herausforderung. In letzter Zeit geht es zunehmend darum, wie KI da hinein passt, ohne dass jeder Regierungsprozess zu einer Folge von „Black Mirror“ wird.
  • Digitalisierung (ja, immer noch) – Sagen wir einfach, dass Deutschlands Liebe zu gedruckten und gestempelten Dokumenten ... hartnäckig ist. Daher drehen sich viele Projekte darum, analoge Prozesse durch digitale zu ersetzen, möglichst ohne dabei etwas Wichtiges kaputt zu machen.
  • Innovationslabore – Es besteht immer Interesse daran, innerhalb des Systems Räume zu schaffen, in denen man über den Tellerrand hinausschauen darf. Labore sind eine großartige Möglichkeit, Ideen zu testen, ohne sofort politische Panik auszulösen.
  • Abteilungsübergreifende Zusammenarbeit – Silos im öffentlichen Sektor sind real. Sehr real. So real wie eine Betonwand zwischen dir und deinen Kolleg:innen. Design Thinking hilft, diese Wände zu lockern, manchmal sogar einzureißen.

Diese Themen tauchen immer wieder auf, nicht weil sie trendy sind, sondern weil sie knifflig und absolut lösungswürdig sind.

Was ist der Unterschied zwischen Projekten im öffentlichen und im privaten Sektor?

Nur ein paar Kleinigkeiten, wie zum Beispiel alles.

Im privaten Sektor bist du an KPIs gebunden. Im öffentlichen Sektor? Manchmal musst du dich nur mit Lobbyarbeit und öffentlicher Kontrolle auseinandersetzen.

In einem Unternehmen werden Entscheidungen vom Vorstand getroffen. In der Regierung? Es ist ein vorsichtiger Tanz zwischen politischen Entscheidungsträger:innen, rechtlichen Zwängen und etwa sechs verschiedenen Genehmigungsinstanzen.

Und während Unternehmen vom Gewinn getrieben sind, wird der öffentliche Sektor angetrieben von ... nun ja, manchmal von der Wahlbeteiligung, manchmal von wechselnden politischen Strömungen und oft von der Hoffnung, dass eine großartige Idee einen gesamten Wahlzyklus übersteht.

Dennoch findet man in beiden Bereichen engagierte Menschen, die versuchen, etwas zu bewegen. Der Unterschied ist: Im öffentlichen Sektor gestaltet man innerhalb des Systems: langsam, chaotisch, komplex, und wenn es funktioniert, ist es unglaublich wirkungsvoll, weil die Auswirkungen nicht auf Kunden oder Klienten beschränkt sind, sondern sich auf die gesamte Bevölkerung auswirken. Die Zielgruppe ist die Bürgerschaft selbst.

Was macht es schwierig, studentische Prototypen in reale Veränderungen umzusetzen?

Zwei große Worte: institutionelle Akzeptanz.

Egal, wie brillant ein studentischer Prototyp ist, wenn es im öffentlichen Sektor niemanden gibt, der ihn aufgreift, finanziert oder sich dafür einsetzt, bleibt er in der Regel eine coole Fallstudie und wird nie zu einer echten Lösung. Hinzu kommt die interessante Wendung durch Verwaltungswechsel, und selbst die vielversprechendsten Ideen können mit der nächsten politischen Kursänderung verschwinden.

Seien wir ehrlich: In der heutigen globalen Lage stehen öffentliche Innovationsabteilungen unter Druck. Budgetkürzungen treffen sie hart, und Innovationen werden oft als „nice to have“ statt als unverzichtbar eingestuft. Das ist ironisch, denn wenn es jemals eine Zeit gab, in der wir kreative Ansätze für öffentliche Herausforderungen brauchten, dann jetzt.

Und zum Schluss: Wenn du einen Wunsch für den öffentlichen Sektor frei hättest, welcher wäre das?

Eine Zukunft, in der Bürger:innen nicht nur konsultiert werden, sondern gemeinsam die Politik gestalten, die ihr Leben prägt.
Derzeit werden die meisten politischen Maßnahmen erst nach ihrer Umsetzung bewertet, wenn es bereits zu spät (und zu teuer) ist, um noch etwas zu ändern. Und da politische Entscheidungsträger:innen für die Ergebnisse verantwortlich gemacht werden, gibt es kaum Spielraum, um zuzugeben, wenn etwas nicht funktioniert, insbesondere wenn es mit Steuergeldern finanziert wird.

Mein Wunsch? Lasst uns sichere(re) Räume für Fehler, Lernen und Iteration schaffen, so wie wir es in Innovationslabors tun, aber eingebettet in die reale Regierungsführung. Lasst uns Experimente in der Politikgestaltung normalisieren und sie nicht wie ein Risiko behandeln, das niemand eingehen will.

Und vor allem lasst uns dafür sorgen, dass dies gerecht und intersektional funktioniert, denn gute Politik sollte allen dienen, nicht nur den lautesten oder privilegiertesten Stimmen im Raum.

Danke für das Interview!

 

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