Artikel

Interview mit Lothar H. Wieler und Esther-Maria Antāo

Einführung

Zum Thema organisationale und individuelle Resilienz

In einer zunehmend komplexen und von Unsicherheiten geprägten Welt gewinnt der Begriff Resilienz immer mehr an Bedeutung. Laut einer Studie von Gartner Research aus dem Jahr 2021 wird erwartet, dass bis 2025 rund 70 % der CEOs organisatorische Resilienz als zentrale Strategie für den Fortbestand ihrer Unternehmen etabliert haben. Doch was genau bedeutet Resilienz und wie können Führungskräfte diese erfolgreich in ihren Organisationen verankern?

Prof. Dr. Lothar H. Wieler, zur Zeit der Pandemie Präsident des Robert Koch-Instituts, jetzt Leiter des Fachgebiets Digital Global Public Health am Hasso-Plattner-Institut, war im Epizentrum der Krise. Er war direkt mit den Herausforderungen der Pandemie und deren Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik, Medien und den Implikationen für das eigene Institut und deren Mitarbeiter:innen, wie Dr. Esther-Maria Antāo, konfrontiert. Beide teilen ihre Erfahrungen und Strategien in unserem neuen Professional Development Format „Kreative Resilienz“ und zeigen auf, wie sie persönlich und in der Organisation kreativ relikent agiert haben.

Interessant für

Führungskräfte, Manager:innen, Professionals

Lothar und Esther, was macht eine Organisation resilent?

Prof. Dr. Lothar H. Wieler: Kompetenz, Struktur, Sachlichkeit, klare Zuständigkeit und klare Rollen sind zentrale Grundlagen. Alles was unklar ist, erschwert Krisenmanagement. Wenn jeder weiß was zu tun ist, dann ist die Krise schon halb gemanagt. Jeder muss selbst wissen, was man selbst gut kann und was nicht – hol dir Leute, die besser sind als du. Ganz zentral: erfolgreiche Führung und Resilienz gelingt nur in einem Team, das sich optimal ergänzt.

Dr. Esther-Maria Antāo: Auch die Charaktereigenschaften der Menschen beeinflussen, wie schwierige Situationen gelöst werden z.B. Akzeptanz, Geduld, Optimismus, Verantwortung, Transparenz und Ehrlichkeit. Gleichzeitig braucht es in der Organisation eine klare Vision & Mission sowie eine Fehlerkultur, Agilität und gutes Erwartungsmanagement. Vertrauen und Fehlerkultur müssen vorhanden sein, bevor die Krise kommt.

Prof. Dr. Lothar H. Wieler: Die ersten Jahre meiner Zeit als RKI Präsident, habe ich vor allem daran gearbeitet, dass alle Abteilungen zusammenarbeiten und Vertrauen entsteht, vertrauenswürdige Kommunikation ist zentral für gute Zusammenarbeit. Es war ein jahrelanger Prozess, die Mission des RKI zu entwickeln und in Aktion zu bringen.

Wie kann sich eine Organisation auf den Krisenmodus vorbereiten?

Prof. Dr. Lothar H. Wieler: Probleme müssen analysiert werden und im Vorfeld muss geübt werden, was in der Krise getan werden muss. Das Robert Koch Institut (RKI) macht das kontinuierlich. Der Bäcker backt beständig Brot und wir üben beständig die Krise.

Lothar, wie bist du mit unvollständigen Daten umgegangen? Und wie lief euer Entscheidungs­findungs­prozess?

Prof. Dr. Lothar H. Wieler: Wir hatten tägliche 2-stündige Krisensitzungen, in denen alle für die jeweiligen Entscheidungen und Informationsgenerierung Verantwortlichen ihre Daten und Analysen vorstellten u.a. mit Peers aus IANPHI, WHO, ECDC etc.

Dann wurde nach dem Diskurs entscheiden. Je besser die Daten und Analysen, desto fundierter die Entscheidungen. In Krisen kann man aber nicht immer warten, bis alle Daten zur Verfügung stehen, sondern man muss gegeben falls auch aufgrund unvollständiger Daten entscheiden. Hier sind die Kompetenz und Erfahrung der Beteiligten von großer Wichtigkeit. Die Expert:innen schätzen die Bedeutung der Ergebnisse ein und wissen wie die Zahlen zustande kommen und wie deren Aussagekraft einzuschätzen ist. Wichtig war es mit verschiedenen Erfahrungswerten und Kompetenzen auf dieselben Daten zu schauen und die Erfahrungen mit anderen Expert:innen im In- und Ausland abzusprechen. Das Ausland war hier noch wichtiger, da die Pandemie in Wellen verlief und bestimmte Erfahrungen in anderen Ländern schon vorlagen.

Für gute Entscheidungen braucht es eine grundlegende Offenheit und ein gutes Problemverständnis:

  • nicht mit vorgefertigter Meinung in die Diskussion gehen
  • erst diskutieren und verschiedene Perspektiven hören und danach erst Entscheidung treffen
  • nicht allein die Entscheidung treffen, sondern ergebnisoffen in Gespräche gehen und sich beraten lassen
  • du musst Vertrauen in deine Mannschaft haben
  • sachlich diskutieren
  • Konflikte mitigieren – Organisation sollte das Ziel haben, dass sie funktioniert
  • als Führungskraft musst du deine Fürsorgepflicht wahrnehmen: bei Erschöpfung müssen Fachleute pausieren

Workshop: Kreative Resilienz


Du musst Entscheidungen unter Unsicherheit treffen? Du möchtest deine Resilienz stärken und wirksam sein? Du möchtest verstehen, wie deine Organisation resilienter werden kann? Dann ist unser Workshop genau das Richtige für dich.

In diesem Format befähigen wir dich, deine kreative Resilienz auszubauen, um mit Unvorhersehbarkeit, Diskontinuität und exogenen Schocks aktiv umzugehen, sodass dein Handeln zum Erfolg in der Organisation führt. Wir nehmen zwei Perspektiven ein: Was macht Menschen kreativ resilient und was macht eine Organisation resilient?

In diesem 2-tägigen Workshop an der HPI d-school werden Prof. Dr. Lothar H. Wieler und Dr. Esther-Maria Antāo Einblicke in die Herausforderungen im Umgang mit der COVID-19-Pandemie geben und gemeinsam mit Flavia Bleuel erläutern, wie Organisationen und Individuen resilient und kreativ, ausgelöst von exogenen Schocks, durch Komplexität navigieren können.

Flavia Bleuel, Head of Professional Development, übersetzt diese Erfahrungen in kreative Handlungsfertigkeiten. Sie kombiniert dafür Methoden und Konzepte aus:

  • Sense Making
  • personelle und organisationale Resilienz
  • Missions- und Rollenklarheit
  • intuitive versus datengetriebene Entscheidungen unter Unsicherheit
  • Einschätzen von Risiken
  • Re-allokation von Ressourcen

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