Wenn in Karsee die Glocken von St. Kilian läuten, hören das alle 736 Einwohner:innen. „40 Weiler und Einzelhöfe“, sagt die Gemeinde, sitzen hier wie kleine weiß-rote Farbtupfer zwischen den grünen Hängen am Westrand des Allgäu.
Karsee ist kein Ort, an dem man zufällig mit Informatik in Berührung kommt. „Sehr abgelegen und wunderschön“, sagt Julian Werne über seine Heimat, „aber es ist nicht allzu viel los.“ Für jemanden, der sich früh für Computer interessiert, heißt das auch: Es gibt kaum Gleichgesinnte. Niemand in der direkten Umgebung, der einem zeigt, wie Programmieren funktioniert. Niemand, der einem erklärt, wie Codezeilen Mario zum Hüpfen bringen.
Verständnis für Menschen und Computer
Also bringt er es sich selbst bei. 13 ist er damals. Mit Codecademy und YouTube-Videos arbeitet er sich in JavaScript ein. Wenig später beginnt er, mit Linux zu experimentieren, absolviert einen Online-Kurs zum Thema „Kali Linux & Ethical Hacking“. Er tüftelt, probiert aus, bastelt sich sogar einen eigenen kleinen Computer.
Von Zuhause kennt er hauptsächlich die Arbeit mit Menschen. Seine Mutter leitet im nahegelegenen Wangen das Faehrmannblenke Institut. Im Zentrum steht dort das Existenzielles Coaching: Ein Ansatz, der weniger danach fragt, wie Menschen effizienter funktionieren, sondern, ob Entscheidungen innerlich stimmig sind. Das Ziel ist Orientierung, Selbstverantwortung und innere Klarheit.
Womöglich auch, weil die Leitfragen der „Existenzanalyse“ in seiner Kinderstube gelebt werden, weiß Julian früh, was er will und bleibt seiner Leidenschaft treu. Sein Abitur macht er am Beruflichen Gymnasium. Schwerpunkt: Informatik. So die Theorie. Doch der Unterricht bleibt für ihn zunächst weit entfernt von dem, was ihn am Programmieren fasziniert. „In der Schule lag der Fokus sehr stark auf alten Systemen, Modellierung und Assembler“, sagt er.
Neue Perspektiven
Tiefe Einblicke, wie man tatsächlich komplexere Software baut, habe es kaum gegeben. Für Julian fühlt sich die Informatik dort eher historisch an: wichtig, aber schwer zugänglich. Wenig Anwendung. Wenig Teamarbeit. Wenig Vorstellung davon, wie moderne Softwareentwicklung wirklich funktioniert.
Ausbremsen kann ihn das nicht. Er verfolgt seinen Weg weiter, geht nach Potsdam und beginnt nach einer kurzen Orientierungsphase seinen Bachelor am HPI. Inzwischen ist er im zweiten Master-Semester angekommen. „Der Bachelor hier hat den Blick aufs große Ganze erweitert“, sagt er.
Zwar spielen hier auch Systemtechnik und technische Grundlagen eine Rolle – aber eben mit Bezug zur echten Welt: Wie baut man komplexe Softwaresysteme auf? Wie geht man an große Projekte heran? Wie arbeitet man im Team? Wie greifen einzelne Komponenten ineinander? Und dann ist da die Atmosphäre, der Gestaltungswille überall: „Alle haben Bock.“
Das Beste aus zwei Welten
Besonders spannend für ihn ist das Konzept Design Thinking – denn es öffnet einen weiteren Blick auf Technologie: Es geht nicht nur darum, eine technisch elegante Lösung zu bauen, sondern zuerst zu verstehen, welches Problem überhaupt gelöst werden soll – und für wen.
Das hat viel von Existenzanalyse. So schließt sich für Julian ein Kreis. Aus einem kleinen Dorf im Allgäu, in dem sich kaum jemand für das Programmieren interessiert, führt sein Weg nach Potsdam an einen Ort, an dem Informatik in Teams, Projekten und gesellschaftlichen Zusammenhängen gedacht wird.
Was er sich mit 13 allein beigebracht hat, bekommt am HPI Struktur, Tiefe und Richtung. Und was zunächst wie zwei getrennte Welten wirkt – Softwareentwicklung und existenzielles Coaching –, könnte für Julian künftig genau dort zusammenkommen, wo Technologie Menschen helfen soll, bessere Entscheidungen zu treffen, bessere Produkte zu bauen und bessere Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Bis heute arbeitet er mit in der Beratung seiner Eltern, als Web- und IT-Experte. Bald schon aber kombiniert er IT und Coaching vielleicht zu etwas ganz Eigenem: „Eine Möglichkeit wäre, ein eigenes Unternehmen aufzubauen“, sagt er. „Da helfen mir sowohl die technische Expertise und das Netzwerk vom HPI, als auch mein Wissen über Menschen aus dem existenziellen Coaching.“