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Warum KI das Informatikstudium noch wichtiger macht

Tobias Friedrich hält eine Rede

Gastbeitrag von Prof. Dr. Tobias Friedrich in der F.A.Z.:

"Wenn ich heute im Hörsaal stehe, weiß ich oft selbst nicht mehr, welches KI-Tool meine Studierenden gerade entdeckt haben. Noch bevor meine Vorlesung beginnt, diskutieren sie darüber, welches Modell welche Aufgabe inzwischen besser löst, vielleicht sogar Teile meiner eigenen Vorlesung. Künstliche Intelligenz verändert die universitäre Welt mit enormer Geschwindigkeit und damit auch unser Informatikstudium.

Je stärker Künstliche Intelligenz unseren Alltag verändert, desto wichtiger werden Menschen, die automatisierte Systeme nicht nur nutzen, sondern auch verstehen. KI macht Informatik nicht überflüssig. Sie verschiebt den Anspruch. Wer früher Code schrieb, muss künftig komplexe digitale Systeme verstehen, gestalten, prüfen und verantworten können. Das ist kein Bedeutungsverlust der Informatik, sondern ihre nächste Entwicklungsstufe.

Künstliche Intelligenz erkennt Krankheiten, bewertet Bewerbungen und steuert Produktionsanlagen. Sie verändert unsere Schulen, unsere Verwaltungen und unsere Universitäten. Sie beantwortet komplizierte Fragen und besteht mittlerweile komplexe Prüfungen auf Universitätsniveau, die noch vor einiger Zeit als Domäne hoch qualifizierter Informatiker galten. Vor diesem Hintergrund stellen sich viele junge Menschen eine naheliegende Frage: Lohnt sich ein Informatikstudium überhaupt noch?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) waren im Wintersemester 2024/2025 insgesamt 267.249 Studierende im Fach Informatik immatrikuliert; im Wintersemester 2023/2024 waren es 260.078 Studierende. Auch in den USA zeigen aktuelle Daten eine deutliche Abkühlung: Die Zahl der Computer Science Studierenden an vierjährigen Colleges sank laut National Student Clearinghouse Research Center im Herbst 2025 um 8,1 Prozent.

Große Tech-Unternehmen wie Oracle, Amazon oder Cloudflare haben zuletzt umfangreiche Stellenstreichungen angekündigt und umgesetzt. Die Ursachen unterscheiden sich, reichen aber von Kostendruck und Umstrukturierung bis zur strategischen Neuaufstellung im Zuge von KI und Automatisierung. Solche Meldungen verstärken die Verunsicherung vieler Studieninteressierter. Sie zeigen aber vor allem, dass sich der Arbeitsmarkt neu sortiert.

Laut einer American Community Survey (IPUMS) des U.S. Census Bureaus (auf Basis von Daten aus dem Jahr 2024) lag die Arbeitslosenquote unter jungen Absolventen der Informatik (Computer Science) mit 7 Prozent deutlich über der Quote von 4,3 Prozent für Biologie und 6,7 Prozent für Kunstgeschichte. Damit gehörte Informatik zu den Studienfächern mit der höchsten Arbeitslosenquote bei Berufseinsteigern in den USA – gleichauf mit den Darstellenden Künsten (Performing Arts).

Auch in Deutschland zeigen Arbeitsmarktdaten eine deutliche Abkühlung bei bestimmten IT-Profilen. Laut einem Kurzbericht des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) von August 2025 waren vom Stellenrückgang in der IT-Branche vor allem diejenigen mit Masterabschluss oder Diplom betroffen. Demnach reduzierte sich zwischen 2023 und 2024 die Zahl offener Stellen von durchschnittlich 40.369 auf nur noch 26.753 und sank damit binnen eines Jahres um mehr als ein Drittel (-33,7 Prozent). Besonders drastisch ist die Zahl offener Stellen für Fachleute der Informatik (-46,2 Prozent) und der Wirtschaftsinformatik (-38,2 Prozent) eingebrochen.

Diese Zahlen sind ernst zu nehmen, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Das IW weist selbst darauf hin, dass ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Rückgang offener Stellen und dem Einsatz von KI derzeit nicht belegbar ist. Zugleich bleibt der Fachkräfteengpass erheblich: Im Jahresdurchschnitt 2024 konnten laut IW mehr als 13.500 offene Stellen in IT-Berufen rechnerisch nicht besetzt werden. Bei Experten der Informatik blieben 6920 Stellen unbesetzt; rund sieben von zehn offenen Stellen konnten rechnerisch nicht besetzt werden. Der Befund lautet also nicht, dass Informatik überflüssig wird. Der Befund lautet: Der Markt sortiert sich neu. Routineaufgaben und austauschbare Profile geraten unter Druck, während tiefes technisches Verständnis weiterhin knapp bleibt.

Die Frage, ob sich ein Informatikstudium vor diesem Hintergrund heute noch lohnt, ist daher nur allzu verständlich. Die Annahme, Informatik sei primär das Erlernen von Programmiersprachen, ohne genau zu verstehen, wie IT-Systeme funktionieren, war schon immer verkürzt. Heute ist sie schlicht falsch. Hinter jedem Sprachmodell, jeder Empfehlung und jeder automatisierten Entscheidung stehen menschliche Entscheidungen: über Daten, Ziele, Architektur, Training, Einsatzkontext und Kontrolle. Wir Menschen entwickeln, trainieren und nutzen diese Technologien und verantworten die Folgen ihres Einsatzes.

Seit der Gründung des Hasso-Plattner-Instituts ist es daher unser Ziel, nicht 'nur' in Informatik auszubilden, sondern in Digital Engineering: komplexe digitale Systeme verstehen, entwerfen, bauen, betreiben, prüfen und verantwortlich in gesellschaftliche Anwendungen bringen. Es geht nicht darum, Studierende auf ein bestimmtes Werkzeug vorzubereiten, sondern sie urteilsfähig zu machen in einer Welt, in der sich Werkzeuge, Plattformen und Modelle ständig verändern. Ein zeitgemäßes Informatikstudium muss technische Tiefe, interdisziplinäres Denken, Innovationsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung systematisch zusammenführen.

Ich glaube, dass wir künftig 'Fachleute für KI-Grundlagen', 'Ingenieure für komplexe Systeme' und 'Technische Produktverantwortliche' brauchen werden, um den gesellschaftlichen Megatrend der digitalen Transformation zu meistern. Diese Profile sind sehr unterschiedlich. Alle erfordern jedoch ein belastbares Verständnis von KI, Daten, Software, Systemarchitekturen, Sicherheit und gesellschaftlicher Wirkung.

Während 'Fachleute für KI-Grundlagen' das theoretische Fundament automatisierter Systeme legen, benötigen 'Ingenieure für komplexe Systeme' eine ausgewogene Mischung aus Theorie und Anwendung. Sie fungieren als Schnittstelle zwischen theoretischen Konzepten und digitalen und physischen Infrastrukturen. 'Technische Produktverantwortliche' übersetzen technologische Möglichkeiten in nutzbare, sichere und verantwortbare digitale Produkte. Dafür brauchen sie technisches Fachverständnis, kommunikative und organisatorische Fähigkeiten sowie regulatorische und gesellschaftliche Urteilskraft.

Für einen langfristig steigenden Bedarf an Informatikabsolventen spricht auch der internationale Arbeitsmarkt. Zahlen des U.S. Bureau of Labor Statistics zeigen, dass die Gesamtbeschäftigung in Berufen der Computer- und Informationstechnologie von 2024 bis 2034 in den USA voraussichtlich deutlich schneller wachsen wird als der Durchschnitt aller Berufe. Wenn digitale Systeme künftig Gesundheit, Verwaltung, Industrie, öffentliche Kommunikation, Finanzmärkte und kritische Infrastrukturen prägen, dann braucht Europa mehr Menschen, die diese Systeme souverän gestalten können.

Als vergleichsweise junge Disziplin in den Sechzigerjahren hat die Informatik sich von einem 'technischen Fach' zu einer Domäne entwickelt, die zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst. Diese zentrale Verschiebung spiegelt sich in diversen Disziplinen wider. Im Journalismus etwa entstehen mit dem 'Computational Journalism' neue Berufsbilder, in denen Informatik, Datenanalyse und gesellschaftliche Verantwortung zusammenkommen. Ähnliche Veränderungen lassen sich in der Medizin, Kriminalistik, den Geistes-, Kultur-, Sozial- und Verwaltungswissenschaften beobachten, um nur einige Beispiele zu nennen. Fachleute für digitale Systeme werden künftig in nahezu allen gesellschaftlich relevanten Feldern gebraucht, weil digitale Technologien alle Lebensbereiche durchdringen.

Wer heute Informatik studiert, entscheidet sich nicht für ein Fach, das von KI verdrängt wird. Er entscheidet sich für ein Fach, das in einer von KI geprägten Welt wichtiger wird: weil es die Fähigkeit vermittelt, digitale Systeme zu verstehen, zu bauen, zu prüfen und verantwortlich einzusetzen. Daraus entstehen vielseitige Karrierewege, aber auch etwas Größeres: die Grundlage für digitale Souveränität, demokratische Handlungsfähigkeit und technologische Gestaltungskraft."

Prof. Dr. Tobias Friedrich ist Geschäftsführer des HPI in Potsdam und Dekan der Fakultät für Digital Engineering.

Dieser Gastbeitrag ist am 1. Juli 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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