Im Bachelor-Kurs "Creative Problem Solving" am Hasso-Plattner-Institut gibt es an diesem Nachmittag eigentlich genug Sitzplätze für alle. Trotzdem kauern rund 20 Studierende auf dem Boden des Hörsaals. Vor ihnen liegen Spaghetti, Schnur, Kreppband, Scheren und Marshmallows. Mehr braucht es nicht, um ziemlich schnell ziemlich viel über kreatives Problemlösen zu lernen. Fünf Teams. 18 Minuten. Auf die Plätze, fertig, los.
Ein Turm muss stehen
Die Aufgabe klingt zunächst harmlos: Baut aus den vorhandenen Materialien einen möglichst hohen Spaghettiturm. Am Ende muss das Marshmallow ganz oben platziert werden. Der Turm darf nicht einstürzen.
Was dann passiert, ist ein kleines Lehrstück in Teamdynamik. Die einen legen sofort los, andere tasten sich vorsichtig an die Konstruktion heran. Manche bauen breit und stabil, andere streben schnell in die Höhe. Ein Team schickt sogar einen Spion los, der einmal durch den Raum pirscht und prüft: Wie machen es die anderen? Überall wackeln irgendwann die Spitzen, denn das Marshmallow ist schwerer als gedacht. "Falls wir auf dieser Höhe einstürzen, brechen wir in den letzten Sekunden die Spaghetti durch und machen auf halbe Länge", beschließt eines der Teams.
Warum Kinder oft früher testen
Der Kurs richtet sich an Bachelorstudierende am HPI. Holger Rhinow, Leiter des Maker Universe, und Timo Kötzing vom Lehrstuhl für Algorithmik sprechen mit den Studierenden darüber, warum diese Challenge weit mehr ist als ein kurzer Bastelworkshop. Die Übung zeigt, wie Menschen mit Problemen umgehen, die einfach aussehen, aber eine versteckte Schwierigkeit haben. "Es heißt ja nicht wirklich Spaghettiturm, sondern Marshmallow-Turm", sagt Holger in der Reflexion. "Es geht eigentlich um das Marshmallow. Das ist die kritische Funktion in der ganzen Konstruktion."
Warum, fragt Holger Rhinow, kommen Kindergartenkinder bei dieser Aufgabe oft auf andere Lösungen als Erwachsene? Kinder planen nicht lange. Sie testen früher und setzen das Marshmallow schneller auf. Dabei merken sie, dass es die Konstruktion verändert, und verbessern dann Schritt für Schritt. Erwachsene dagegen neigen eher dazu, erst eine Idee zu entwickeln, sie durchzudenken und dann möglichst sauber umzusetzen. Das kann in vielen Situationen sinnvoll sein. Aber bei dieser Aufgabe führt es schnell dazu, dass der entscheidende Praxistest zu spät gemacht wird.
Was der Turm über Denkfehler verrät
Die Marshmallow-Challenge macht sichtbar, welche Denkfehler in kreativen Prozessen auftreten können. Wer zum Beispiel ein bisschen Vorwissen hat, überschätzt manchmal, wie gut er oder sie eine Aufgabe einschätzen kann. Spaghetti kennt man. Ein Dreibein auch. Ein Turm scheint machbar. Aber die konkrete Kombination aus Material, Zeitdruck und Marshmallow ist neu. Das vorhandene Wissen reicht gerade aus, um sich sicher zu fühlen – aber nicht unbedingt, um die Aufgabe wirklich zu beherrschen. Das ist der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt.
Ein anderer Denkfehler: Schon der Begriff "Spaghettiturm" lenkt die Aufmerksamkeit auf die Spaghetti und die Höhe. Das Marshmallow wird gedanklich zur Nebensache, obwohl er die entscheidende Funktion hat. Wer einmal auf „möglichst hoch“ fixiert ist, kommt unter Zeitdruck nur schwer davon weg. Anchoring Bias nennt sich dieses Phänomen.
Hinzu kommt der sogenannte Confirmation Bias in der Teamarbeit: Eine Idee steht im Raum, niemand widerspricht deutlich, also wird gebaut – obwohl jemand vielleicht Zweifel hatte. Aber wenn die Gruppe einmal in Bewegung ist, fühlt es sich oft leichter an, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, als noch einmal grundsätzlich umzudenken.
Kreativität braucht Struktur
In der Diskussion wird deutlich: Kreatives Arbeiten braucht Methoden, die helfen, Denkfehler sichtbar zu machen. Manchmal geht es darum, möglichst viele Ideen zu entwickeln. Manchmal darum, eine Idee zu schärfen. Mal hilft die Gruppe, mal ist es besser, wenn alle erst einmal still für sich nachdenken. Der Mix macht den Unterschied.
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