Maximal vier Stunden dürfen in Großbritannien vergehen, um bei Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose Klarheit zu schaffen und Leben zu retten. Deutsche Leitlinien fordern zumindest eine zeitnahe Abklärung.
Und dann steht man in einer Klinik, spricht mit Ärzt:innen und sieht die Wartelisten. "Ziemlich zu Beginn haben wir verstanden, wie groß die Lücke ist", erinnert sich HPI-Alumnus Sven Mischkewitz, CTO und Mitgründer von ThinkSono. "In Gesprächen und bei Klinikbesuchen war schnell klar: Patienten warten Stunden, wenn nicht Tage – obwohl internationale Leitlinien eine sehr schnelle Abklärung vorsehen."
Das Problem ist ein strukturelles: Um eine Thrombose sicher auszuschließen, braucht es einen Ultraschall - und dafür speziell geschultes Personal. Dieses Personal ist knapp. Vor allem in kleineren Kliniken, auf dem Land, nachts und am Wochenende. Die Untersuchung selbst dauert nur wenige Minuten. Aber weil nicht genug Fachkräfte verfügbar sind, müssen Patient:innen oft lange warten.
Dabei zählt die tiefe Venenthrombose (TVT) zu den häufigsten vermeidbaren Todesursachen im Krankenhaus. Jährlich sterben mehr Menschen an den Folgen unbehandelter Thrombosen als im Straßenverkehr. Klinisches Risiko kann nur auf einem Weg gesenkt werden: Jeder Verdacht muss innerhalb weniger Stunden abgeklärt werden.
Ultraschalldiagnostik zugänglich machen
Genau hier setzt ThinkSono an. Die Idee: Ultraschalldiagnostik so zugänglich zu machen, dass nicht mehr nur speziell ausgebildetes Personal die Untersuchung durchführen kann. Entstanden ist das Unternehmen 2016 in London. Seit 2017 ist ThinkSono auch in Potsdam ansässig.
Mit "ThinkSono Guidance" entwickelte das Team die weltweit erste KI-gestützte Software, die Anwender:innen ohne spezielle Ultraschallausbildung Schritt für Schritt durch eine TVT-Untersuchung führt. Die Bilder werden anschließend digital an Fachärzt:innen übermittelt und dort beurteilt.
Technisch war damit viel gelöst. Die eigentliche Herausforderung lag woanders: "Was uns als Tech-Team am meisten frustriert hat, war nicht die medizinische Herausforderung", sagt Mischkewitz. "Es waren die Strukturen." Wer die Software nutzt, wie etwa Pflegekräfte, entscheidet nicht über den Einkauf. Wer über das Budget entscheidet, nutzt die Software nicht selbst. Und der größte Nutzen entsteht bei den Patient:innen, die gar nicht mitreden können. Gleichzeitig sind die Verfahren langwierig:
"Zulassung und Vertrieb im Gesundheitswesen sind für große Konzerne ausgelegt und nicht Startup-freundlich. Monatelange Wartezeiten gelten als ‚zügig‘."
ThinkSono ist für den klinischen Einsatz in Europa zugelassen. In den USA hat die zuständige Arzneimittel- und Medizinproduktebehörde (FDA) ThinkSono als "Breakthrough Device" eingestuft – eine Auszeichnung für besonders relevante medizinische Innovationen. Das Zulassungsverfahren läuft noch. In Großbritannien wird die Lösung bereits im Klinikalltag eingesetzt.
Langfristig denkt das Team noch größer: "Wir wollen die Thrombose-Diagnostik grundlegend verändern", sagt Mischkewitz. "Ultraschall bei TVT-Verdacht soll jederzeit, schnell und überall verfügbar sein – nicht nur im Krankenhaus." Sondern auch in Hausarztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Notaufnahmen und ländlichen Regionen.
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