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Nudging für Mensch und Klima

Einführung

Interview mit Dr. Vincent Beermann

Vincent Beermann ist Postdoctoral Researcher am Chair of Design Thinking and Innovation Research an der HPI d-school. Mit einem Master in klinischer Psychologie und Weiterbildungen im Design Thinking hat er stets das Verhalten und die Bedürfnisse von Menschen im Blick. Schon lange begeistert er sich zudem für Nachhaltigkeit. Für seine Dissertation hat Vincent zu Green Nudges geforscht – angetrieben von der Frage, wie Erkenntnisse aus der Psychologie nachhaltige Verhaltensweisen fördern können. Aktuell entwickelt er ein Human AI Lab, das den Einfluss künstlicher Intelligenz auf menschliches Verhalten untersucht.

Interessant für

Forscher:innen, Student:innen, junge Berufstätige, Professionals
Mitarbeiter:innenfoto Dr. Vincent Beermann
Dr. Vincent Beermann

Interview

Du forschst an der Schnittstelle von Psychologie, Nachhaltigkeit und digitaler Innovation und hast in deiner Dissertation Green Nudges entwickelt. Wie kam es dazu? 

Ich habe Psychologie studiert und mich schon früh dafür interessiert, psychologische Erkenntnisse praktisch anzuwenden, insbesondere im Bereich Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit einem Freund habe ich die Nachhaltigkeitswerkstatt gegründet, bei der wir Unternehmen und Menschen dabei unterstützt haben, nachhaltiger zu wirtschaften und zu leben. 

Zusätzlich begeistere ich mich sehr für die vielseitigen Potenziale, die Digitalisierung bietet. Bei Weiterbildungen an der HPI d-school kam ich mit Falk Uebernickel in Kontakt, und gemeinsam haben wir das Thema der Green Nudges als mein Promotionsthema identifiziert. Das ist genau die Schnittstelle meiner Interessen: Psychologie, Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Wie können wir die Erkenntnisse der Psychologie nutzen, um nachhaltige Verhaltensweisen zu fördern? Und welche Technologien können uns dabei unterstützen? Das ist es, was mich begeistert.

Der Begriff “Nudging” begegnet uns in der öffentlichen Debatte immer häufiger, wird aber oft missverstanden. Was bedeutet Nudging wirklich?  

Nudging (wörtlich “sanfter Anstoß”) stammt aus der Verhaltensökonomie. Es beschreibt Maßnahmen, die versuchen, das Verhalten von Menschen in eine gewünschte Richtung zu lenken. Dies kann durch eine Veränderung der Entscheidungsarchitektur oder durch gezielte Informationen geschehen. Wichtig ist, dass Nudging weder Zwang noch Verbote beinhält. Ein klassisches Beispiel: Positioniert man Obst auf Augenhöhe und Süßigkeiten weiter unten, greifen wir häufiger zum Obst.

Der Begriff wird häufig missverstanden, weil viele Beeinflussungen als Nudges gesehen werden können. Nach aktueller Auffassung gibt es drei verschiedene Formen von Nudges, die unterschiedlich stark in menschliches Verhalten eingreifen: 

  1. Strukturelle Nudges
  2. Informationsnudges
  3. Assistenz- bzw. Zielsetzungsnudges  

Ursprünglich existierten nur strukturelle Nudges, die die tatsächliche Struktur von Entscheidungssituationen verändern. Ein bekanntes Beispiel dafür sind Voreinstellungen (Defaults), beispielsweise bei Navigationssystemen, die automatisch auf energiesparende Routen eingestellt sind.  

Bei Informationsnudges werden Menschen dazu angeregt, selbstständig eine informierte Entscheidung zu treffen. Wenn ich beispielsweise monatlich Informationen zu meinem Energieverbrauch bekomme, könnte das dazu führen, dass ich zukünftig weniger Strom verbrauche. Schließlich können Assistenz-Nudges Menschen dabei unterstützen, ihre selbstgesetzten Ziele zu erreichen, beispielsweise geben Fitness-Apps Feedback zum Fortschritt der Nutzer:innen. Diese zwei Arten des Nudging gelten als ethisch weniger angreifbar, da sie Transparenz schaffen und nicht direkt in die Entscheidungsarchitektur eingreifen.  

Nudging basiert auf dem psychologischen Modell des schnellen (System 1) und langsamen Denkens (System 2). Strukturelle Nudges nutzen meist das System-1-Denken aus, da sie die Entscheidungssituation aktiv beeinflussen. Informations- und Assistenz-Nudges hingegen stärken das System-2-Denken, das Menschen zu reflektiertem Denken anregt. 

In deinem Projekt “Gespräche mit einem zukünftigen Selbst” möchtest du Menschen dazu animieren, bei Ernährungsentscheidungen langfristige Vorteile über unmittelbare Befriedigung zu stellen. Eine Kritik an Nudging ist, dass es Menschen manipuliere. Wo ziehst du selbst die Grenze zwischen hilfreichen Impulsen und unzulässiger Beeinflussung?  

Kritisch wird Nudging dann, wenn es nicht transparent ist und Menschen zu einer Entscheidung führt, die nicht in ihrem Interesse liegt. Wichtig ist daher, dass Verhaltensinterventionen transparent dargelegt werden und die Entscheidungsfreiheit des Menschen stärken. Ein Kernproblem ist, dass wir als Designer:innen von Nudges eigene Annahmen einbringen, ohne wirklich die Bedürfnisse der Menschen zu kennen, für die wir designen. 

Hier kann Design Thinking sehr hilfreich sein: Wenn wir Verhaltensinterventionen gestalten, ist es wichtig, die Menschen von Anfang an in den Prozess zu integrieren. Durch diesen Co-Design Prozess können wir ethische Herausforderungen vermeiden, indem wir die Menschen, für die wir designen, nach ihren Bedürfnissen und Zielen fragen. Anschließend können wir den Nudge testen und untersuchen, ob er tatsächlich hilfreich ist. Als Forscher:innen sollten wir nicht für Menschen entscheiden, sondern sie mit unseren Interventionen befähigen, eigenständig informierte Entscheidungen treffen zu können.  

Im Projekt „Gespräche mit einem zukünftigen Selbst“, das wir gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) im letzten Jahr durchgeführt haben, geht es genau darum: Wir haben Menschen mithilfe von künstlicher Intelligenz dazu angeregt, sich ihre wünschenswerte Zukunft auszumalen. Warum das Ganze? Wir wollten herausfinden, ob Gespräche mit einem zukünftigen Selbst einen dazu animieren, gute Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Mithilfe solcher Informations- und Assistenz-Nudges können Menschen sich selbst in die Lage bringen, ihr Verhalten in eine positive Richtung zu lenken. Das Projekt war Teil des HPI-MIT Designing for Sustainability Program, in diesem Jahr erforschen wir in einem Projekt die Charakteristika von problematischem Social Media-Konsum. 

Welche Erkenntnisse aus deiner Forschung haben dich am meisten überrascht?  

Mich hat überrascht, dass Nudging nur ein Teil der Antwort ist. Wie ich bereits erklärt habe, ist Nudging ein großes Feld, weshalb es auf ganz verschiedene Arten wirken kann. Nudging wirkt nicht automatisch. Es ist wichtig, tiefer reinzuschauen, um zu verstehen, welche Mechanismen funktionieren – und welche nicht brauchbar sind. Wir müssen genau hinschauen, welche Interventionen wir für welchen Zweck und in welcher Umgebung gestalten. Nur so können wir Nudges gestalten, die tatsächlich zu nachhaltigerem Verhalten führen.

In einem Experiment haben wir über 950 Haushalten mit sogenanntem Smart Metering wöchentlich Feedback zu ihrem Energie- und Wasserverbrauch gegeben. In einem anderen Experiment haben wir 70.000 Haushalte monatlich per Brief über ihre Verbräuche informiert. Interessant war, dass die Haushalte mit smarten Messgeräten und wöchentlichen Verbrauchsinformationen tatsächlich ihren Energieverbrauch um circa neun Prozent reduziert haben. Menschen mit monatlichen Verbrauchsinformationen im groß angelegten Feldexperiment zeigten nur Einsparungen von knapp 1%. 

Daraus lernen wir, dass neue Technologien durchaus ein Potenzial für Nachhaltigkeit bieten. Entscheidend ist aber, dass Haushalte damit ausgestattet sind – und die Technologien so konzipiert sind, dass sie tatsächlich genutzt werden. Hier ist auch die Politik gefragt.

Können wir mit Nudging das Klima retten?  

Nein. Dass Menschen ihr Verhalten ändern, ist für die Eindämmung der Klimakrise natürlich entscheidend. Hier können wir mit Nudging wichtige Lösungen schaffen, um Menschen beispielsweise dazu zu animieren, sich nachhaltiger zu ernähren und sparsamer mit Ressourcen umzugehen. Wir dürfen die Verantwortung aber nicht auf den Menschen als Individuum abwälzen, sondern müssen viel stärker auf die Systemebene blicken.  Das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem wir leben, macht es uns nicht gerade leicht, nachhaltig zu leben. Nudges allein werden definitiv nicht das Klima retten. Aber das Wissen darum, wie Menschen sich in der Realität verhalten, ist ein wichtiger Baustein dafür, Lösungen zu schaffen, die tatsächlich angenommen werden und funktionieren.  

Vielen Dank für das Gespräch!  
 

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