Sechzehntausend Totgeburten jedes Jahr in Südafrika – eine Zahl, die schockiert. Doch so erschütternd sie auch ist, sie bleibt abstrakt. Weil Zahlen keine Geschichten erzählen. Sie lassen uns nicht spüren, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Erst, wenn wir die Gesichter, die Stimmen hinter der Statistik hören, beginnt Verständnis.
Genau deswegen ist Storytelling in der Wissenschaft so wichtig, erklärt Catrinel Craciun. Sie ist Postdoktorandin am Fachgebiet Digital Global Public Health bei Professor Lothar Wieler und erforscht, wie man weltweit besser über Gesundheit informieren und kommunizieren kann.
Erzählen statt Erklären? Warum Wissenschaft Geschichten braucht
Catrinel sitzt mit großer dunkler Brille auf der Sonne durchtränkten Dachterrasse des Digital Health-Gebäudes am HPI-Campus in Griebnitzsee. Hier erzählt sie uns von ihrem Herzensprojekt. “Daten zeigen, was ist – aber Geschichten zeigen, warum es zählt”, lautet Catrinel Glaubenssatz. Die Postdoktorandin möchte, dass die Wissenschaft mithilfe von Storytelling “lauter” wird und sich mehr gegen andere Stimmen behauptet: "Gesundheits-Influencer mit großer Reichweite in den sozialen Medien haben eben nicht immer fundiertes Wissen. Menschen können oft schwer einschätzen, wie zuverlässig die Informationen sind, die sie in den sozialen Netzwerken erhalten und werden eventuell fehlgeleitet."
Gemeinsam mit ihrem Team baut Catrinel an einem Digital Storytelling Lab. Ziel ist es herauszufinden, welche Geschichten bei der Förderung der Gesundheit wirksam sind. Dafür haben sie ein innovatives Tool namens "Storyhelper“ entwickelt. Es unterstützt Wissenschaftler:innen dabei, Inhalte mithilfe von Mindmaps in evidenzbasierte, digitale Geschichten zu verwandeln. Aktuell wird das Tool stetig weiterentwickelt. Etwa mit einem KI-gestützten Chatbot, der Geschichten automatisch in verschiedene Sprachen übersetzen kann.
Erst vor kurzem hat Catrinel einen Storytelling-Workshop organisiert, gemeinsam mit Sampson Adotey vom Forschungsprojekt CHAMPS (Child Health and Mortality Prevention Surveillance). Eine Partnerschaft mit dem HPI. CHAMPS untersucht die Ursachen von Kindersterblichkeit in besonders betroffenen Regionen und sammelt dazu genaue Daten. “Es war unglaublich zu sehen, wie engagiert Health Communicators aus Ländern wie Sierra Leone, Nigeria oder Bangladesch mit dem Story Helper berührende Geschichten entwickelt haben – ganz ohne Vorkenntnisse in digitalen Tools. Eine Teilnehmerin war sogar im letzten Trimester schwanger, aber sie wollte unbedingt dabei sein, weil sie ihre Erfahrungen teilen und etwas bewirken wollte”, schwärmt Catrinel.
So steht die bereits erwähnte Zahl ganz am Anfang dieses Textes: Sechzehntausend Totgeburten jedes Jahr in Südafrika in einem Artikel von CHAMPS nicht nur als nüchterne Zahl da. Stattdessen wurden die Daten anhand einer wahren Geschichte erzählt, die so beginnt: “Nomusa Khumalo kennt den Schmerz, ein Kind zu verlieren. Sie hat den Kummer mehrerer Totgeburten ertragen. Die 38-jährige Einwohnerin von Soweto war überzeugt, dass mit ihr etwas nicht stimmte.”
Für Catrinel ist Forschung nicht nüchtern – sondern immer verknüpft mit echten realen gesellschaftlichen Herausforderungen. Gerade im Bereich Digital Health entstehen enorme Mengen an komplexen Daten, welche für Lai:innen schwer zugänglich sind. Werden wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch in reale Geschichten eingebettet, gewinnen sie an Verständlichkeit und Relevanz. Das verdeutlicht, warum Forschung zählt – und für wen.
Ihr Storyhelper-Tool soll irgendwann zu einer globalen Plattform wachsen, auf der Nutzer:innen ihre Geschichten teilen und austauschen können, andere Health Promoters finden und gemeinsam an Projekten arbeiten. “Wissenschaft muss raus in die Welt, dorthin, wo sie Leben verändert. Denn Erkenntnis allein reicht nicht – sie muss berühren, bewegen, bewirken”, sagt Catrinel.