Prof. Dr. Estariol de la Paz wuchs in London auf, umgeben von Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Dieses Umfeld prägte Prof. de la Paz' Neugier auf globale Politik, Kulturen und die Art und Weise, wie Menschen die Welt um sich herum verstehen.
Vor dem Eintritt in die Wissenschaft, war Prof. de la Paz im Bereich Fotojournalismus tätig. "Ich arbeitete im Journalismus während der Finanzkrise in den USA 2007–2008, als die Branche vollständig zerschlagen wurde. Technologie und das Internet hatten die Dinge bereits so stark verändert, dass der Beruf, in dem ich gearbeitet hatte, praktisch nicht mehr existierte."
Das weckte ein Interesse an der Wechselwirkung zwischen Politik und Technologie, das Prof. de la Paz in die wissenschaftliche Laufbahn mitnahm. Unmittelbar vor dem Promotionsbeginn in Oxford, studierte Prof. de la Paz in Shanghai.
"Dort begann ich noch intensiver über Politik und Technologie, Zensur und verschiedene Formen staatlicher Kontrolle von Informationen nachzudenken – und darüber, wie all das auf einer sehr viel konkreteren Ebene funktioniert. Gleichzeitig gab es mir die Möglichkeit, die Regeln eines anderen Landes kennenzulernen, um es besser zu verstehen, und es gab mir einen Anlass, all diese Dinge auch in meiner eigenen Kultur zu hinterfragen."
Heute erforscht Prof. de la Paz am Hasso-Plattner-Institut, wie digitale Technologien – von Algorithmen bis hin zu künstlicher Intelligenz – politische Systeme und Machtstrukturen weltweit verändern.
Hasso-Plattner-Institut (HPI): Sie arbeiten seit mehr als zwei Jahren am HPI. Wie würden Sie Ihre Arbeit bisher zusammenfassen?
Prof. Dr. Estariol de la Paz: Eine unserer größten Leistungen war eine Reihe von Berichten, die wir im Februar 2025 veröffentlicht haben. Das Projekt Path to Power untersuchte zehn verschiedene Wahlen, die in einigen der bevölkerungsreichsten Länder der Welt sowie in weiteren wichtigen und repräsentativen Staaten stattfanden, zum Beispiel in Indien, den USA, Indonesien, Pakistan, Georgien und Mexiko.
Anschließend nutzten wir diese Berichte, die eher als allgemeiner Überblick für politische Entscheidungsträger oder für Menschen gedacht waren, die sich für diese Länder interessieren, als Grundlage für unsere drei zentralen Forschungsprojekte – jeweils eines für die drei Postdocs der Gruppe.
Eines davon befasste sich mit digitaler Bürgerschaft und damit, wie wir Menschen den Umgang mit dem Internet vermitteln. Ein weiteres konzentrierte sich auf den Einsatz von KI bei Wahlen. Und das dritte untersuchte, wie populistische Führungspersonen Gesetze erlassen und Freiheiten sowie Regulierungen im Bereich digitaler Technologien verändern, nachdem sie an die Macht gekommen sind.
HPI: Worum wird es im zweiten Teil des Projekts Path to Power gehen?
Prof. Dr. de la Paz: Wir wollten auf unserer bestehenden Forschung aufbauen, die untersucht, was gerade geschieht, und den Fokus stärker darauf verlagern, welche Möglichkeiten wir haben, auf diese Entwicklungen zu reagieren – also etwa darauf, wie wir uns unser politisches System angesichts der Möglichkeiten und Potenziale, die neue Technologien bieten, anders vorstellen könnten. Wir wollten stärker lösungsorientiert arbeiten.
Eine der Ideen dabei ist, sich intensiver mit Open-Source-Code und Transparenz zu beschäftigen, denn im Moment haben wir keine Ahnung, wie der Algorithmus von TikTok oder irgendeines anderen Dienstes seine Empfehlungen zusammenstellt, die unsere Aufmerksamkeit beeinflussen oder manipulieren können.
Wenn wir genau sehen könnten, wie diese Algorithmen funktionieren, dann gäbe es eine viel stärkere Kontrolle über Unternehmen, und sie könnten sich nicht mehr so leicht um den Sinn von Regulierungen herumdrücken oder nur das absolute Minimum tun, weil Menschen es überprüfen würden.
Und wenn wir über alternative Lösungen für die Probleme sprechen, die im Zusammenhang mit Technologie, Governance und Politik entstanden sind, dann gehört dazu vor allem auch der Blick auf Ideen aus nichtwestlichen Kontexten – sei es historisch oder gegenwärtig. Diese Ansätze werden oft vergessen, dabei gibt es viele interessante Innovationen, etwa im Widerstand gegen große Technologieunternehmen und gegen ausbeuterische Formen der Forschungsextraktion. Diese Entwicklungen im Globalen Süden werden manchmal nur als kleine, interessante Fallstudien betrachtet, und nur sehr wenige Menschen sehen in ihnen etwas, das uns im Westen tatsächlich etwas lehren könnte.
HPI: Was sind die größten Herausforderungen für Forschende, die digitale Technologien und ihr Zusammenspiel mit Politik untersuchen?
Prof. Dr. de la Paz: Wir können fast nie wirklich verstehen, wie ein Algorithmus funktioniert. Technologieunternehmen können A/B-Tests durchführen und für manche Nutzer ein neues Format ausprobieren. Selbst wenn man sein Bestes tut, hundert verschiedene Nutzerprofile zu simulieren und sie in einer Studie zu kontrollieren, hilft einem das noch nicht besonders dabei zu verstehen, wie diese Algorithmen tatsächlich funktionieren könnten.
Wenn man keinen Zugang zum Backend hat, ist es sehr schwierig, über Kausalität und über die Gesamtheit dessen zu sprechen, was Menschen möglicherweise zu sehen bekommen.
Und selbst für jemanden, der das Internet überhaupt nicht nutzt, ist das Leben heute immer noch tiefgreifend von der digitalen Sphäre beeinflusst. Das ist eine echte Herausforderung, und zum Teil auch der Grund, warum ich mich im zweiten Teil dieses Projekts stärker auf Kontext konzentrieren möchte. Denn es gibt immer Kritik, wenn man plattformbezogene Forschung betreibt – etwa daran, dass man durch die Verfügbarkeit von Daten, durch Personalisierung und durch stark unterschiedliche Nutzungskontexte ähnlicher Technologien eingeschränkt ist.
HPI: Was ist das große Thema, über das in naher Zukunft alle sprechen werden, das der Öffentlichkeit aber bislang noch weitgehend unbekannt ist?
Prof. Dr. de la Paz: Menschen in meinem sehr spezifischen Forschungsbereich an der Schnittstelle von Technologie, Politik, Ökonomie und Macht sprechen oft darüber, dass der Kapitalismus vorbei ist. Zwar sprechen und denken die Menschen weiterhin über Kapitalismus, aber viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Bereich sind der Auffassung, dass der neoliberale Kapitalismus – und in gewisser Weise auch die Zeit dieser mächtigen Nationalstaaten – vorbei ist.
Shoshana Zuboff etwa sagt, dass der Überwachungskapitalismus den neoliberalen Kapitalismus ersetzt hat. Yanis Varoufakis spricht von Techno-Feudalismus. Vili Lehdonvirta schreibt über Cloud-Imperien. All diese Menschen verwenden unterschiedliche Metaphern, um zu beschreiben, was gerade geschieht, weil es sehr schwer ist, ein völlig neues ökonomisches und politisches System zu benennen. Und wir glauben, dass diese Debatte in der breiteren Wissenschaft bislang noch nicht wirklich angekommen ist.
Das Gespräch mit Prof. Dr. Estariol de la Paz zeigt, wie tief digitale Technologien heute in politische Systeme eingebettet sind – und wie schwierig es nach wie vor ist, ihre Auswirkungen vollständig zu verstehen.
Gleichzeitig weist das Interview auf mögliche Wege nach vorn hin: mehr Transparenz, neue regulatorische Ansätze und eine breitere, globalere Perspektive auf Governance im digitalen Zeitalter.
Weitere Artikel
Schlagworte
Ansprechpersonen
Julia Gühlholtz
Pressereferentin / Wissenschaftskommunikation
Tel.: +49 331 5509-1358
E-Mail: presse@hpi.de