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Was anonyme Online-Communities sichtbar machen

HPI researcher Anne Radunski

Auf Plattformen wie LinkedIn wird Erfolg oft inszeniert. Finanzierungsrunden, Wachstum, Sichtbarkeit – das sind oft die vordergründigen Themen. Doch was passiert dort, wo Menschen anonym unterwegs sind, und der Performancedruck wegfällt?  

Anne Radunski hat genau das untersucht – und zwar über große Mengen an Daten. Für ihre Dissertation wertete sie über zehntausende Beiträge aus anonymen Online-Communities wie Reddit aus. Hier erzählten Unternehmer:innen offen über mentale Belastung. "LinkedIn ist wirklich nur dieses Schauspielerische. Du stellst die beste Version von dir dar — und Reddit ist so ein bisschen ein Background, wo du wirklich der sein kannst, der du eigentlich bist."

Wenn Daten erzählen, was Umfragen oft nicht erfassen 

Viele Studien im Bereich Entrepreneurship arbeiten mit Interviews, Surveys oder kleineren Stichproben. Anne Radunski geht einen anderen Weg. Methodisch arbeitet sie mit offenen Plattformdaten, textanalytischen Verfahren, Topic Modelling und Netzwerkanalysen. Sie untersucht digitale Spuren, die in Online-Communities ohnehin entstehen. Spuren wie Posts, Kommentare, Antwortstrukturen, Interaktionen, Netzwerke. Ihr Blick gilt dabei nicht nur einzelnen Aussagen, sondern den Mustern dahinter: Wie entstehen Gespräche? Welche Themen tauchen immer wieder auf? Wer trägt in anonymen Netzwerken eigentlich Einfluss? 

Und genau darin liegt die Stärke ihrer Arbeit: Mit Data-Science-Methoden lassen sich sehr viel größere Diskursräume analysieren. Nicht 20 Antworten oder 900 Kommentare von Hand. Sondern zehntausende Beiträge, in denen sich zeigt, was Menschen tatsächlich beschäftigt. "Dazu sind doch die Data-Science-Methodiken da, dass man sich bestimmte Sachen nochmal anguckt." 

Dieses "nochmal Angucken" führt jedoch nicht einfach zu einem einzelnen Ergebnis, sondern bildet die Grundlage für die zentrale Fragestellung ihrer Dissertation. Diese wird bereits im Titel deutlich: "Behind the Pseudonym. How Anonymized Online Communities Enable Entrepreneurial Sensemaking, Social Capital and Network Influence."

Hinter dem Pseudonym beginnt oft die eigentliche 
Diskussion 

In anonymen Settings entstehen nicht nur Schutzräume. Es entstehen produktive Räume, wo eben auch belastende Situationen gemeinsam verarbeitet werden. "Anonyme Communities sind wirklich ein Safe Space."

Anne Radunski zeigt, dass Anonymität nicht automatisch zu Abwertung führt - ein verbreitetes Vorurteil über pseudonyme Plattformen. Im Gegenteil: Gut moderierte Communities können erstaunlich unterstützend sein. Und dann zeigt sich, worüber sonst nie gesprochen wird. 

Auf die Frage, was sie auf Reddit gesehen hat, was man auf LinkedIn nicht finden würde antwortet sie: "Identitätszweifel, also dieses Gefühl von ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Extremer Druck, Schlafmangel…" Andere reagieren und teilen eigene Erfahrungen oder verweisen auf Hilfsangebote. Was hier entsteht, ist kein Ersatz für professionelle Unterstützung. Aber es ist ein Raum, in dem Menschen Dinge aussprechen, die sie anderswo nicht sagen. 

Forschung an der Schnittstelle von Information Systems und digitaler Gesellschaft 

Anne Radunski hat ihre Dissertation im Fachgebiet Informationssysteme verfasst. Diese Verortung passt. Denn ihre Arbeit bewegt sich genau an der Schnittstelle, an der digitale Infrastrukturen, soziale Dynamiken und datengetriebene Analyse zusammenkommen. 

Sie fragt nicht nur, was Menschen in Online-Communities sagen. Sondern auch, wie Plattformen gestaltet sein müssen, damit daraus tragfähige digitale Räume werden. Welche Rolle Moderation spielt und warum Pseudonyme mehr sein können als ein Schutzschild. Damit öffnet sie den Blick auf das Plattformdesign - als entscheidenden Faktor dafür, ob Austausch oberflächlich bleibt oder echte Relevanz gewinnt. 

Für die Entwicklung zukünftiger Plattformen ist das hochaktuell. Radunskis Forschung legt nahe, dass digitale Räume mehr brauchen als Reichweite und Sichtbarkeit. Sie brauchen Strukturen, in denen auch das Ungeklärte Platz hat. Oder, wie sie es selbst formuliert: "Wo es halt nicht dieses shiny face ist, sondern wo man sich dann eben Backstage auslassen kann."

Vom Forschungsblick zur Community-Perspektive 

Seit Februar ist Anne Radunski Clustermanagerin der beiden HPI Cluster Data & AI und Foundations. Der Schritt passt erstaunlich gut zu ihrem Forschungsthema. Denn auch in ihrer neuen Rolle geht es darum, Verbindungen herzustellen, Menschen zusammenzubringen und Räume zu schaffen, in denen Austausch mehr ist als reine Information. 

Sie beschreibt sich selbst dabei "so ein bisschen" als Informationsbrokerin — jemand, der vernetzt, übersetzt, weiterhilft, kleine Communities innerhalb größerer Strukturen stärkt. 

Das ist mehr als Organisation. Es ist ein Verständnis davon, wie Wissenschaftsumfelder lebendig bleiben: nicht nur durch Exzellenz, sondern auch durch Anschlussfähigkeit, Offenheit und das Gefühl, nicht allein durch ein komplexes System zu müssen. 

Diese Perspektive bringt sie auch in die internationale Forschung ein: Auf der International Conference on Information Systems (ICIS), einer der wichtigsten Konferenzen im Information-Systems-Bereich, stellte sie im Dezember ein Paper vor, das ihre Arbeit zu anonymen Online-Communities weiterführt. 

Ansprechpersonen

Portraitfoto von Julia Gühlholz, Presse / Wissenschaftskommunikation

Julia Gühlholtz

Pressereferentin / Wissenschaftskommunikation

Tel.: +49 331 5509-1358
E-Mail: presse@hpi.de