"Wenn wir beim Thema Technologie den Anschluss verlieren, wird es uns in Zukunft deutlich schlechter gehen", sagt Prof. de Melo. Er leitet am HPI das Fachgebiet Artificial Intelligence and Intelligent Systems und forscht seit Jahren zum Thema KI.
Prof. de Melo beobachtet die rasante Entwicklung des Feldes und stellt fest, dass europäische Unternehmen dabei nur selten vorne mit dabei sind. Ein Umstand, der sich ändern muss. Europa braucht digitale Souveränität.
Vom 2. bis 4. Dezember 2025 ist Prof. de Melo Gastgeber der AI@HPI Conference, in der es unter dem Titel "Shaping AI Sovereignty" genau darum geht. Die Veranstaltung bringt wissenschaftliche Exzellenz, wirtschaftliche Verantwortung und politische Führungskräfte zusammen, um konkrete Strategien für einen souveränen und unabhängigen Ansatz im Bereich der künstlichen Intelligenz zu entwickeln. Im Rahmen der Konferenz werden auch die KI-Servicezentren Deutschlands eine Auswahl ihrer Projekte ausstellen, die europäische KI-Souveränität Stück für Stück Realität werden lassen.
Vorab fragten wir Prof. de Melo im Interview, woran es liegt, dass Europa im Bereich der KI Nachholbedarf hat und was europäische KI-Souveränität bedeutet.
Hasso-Plattner-Institut (HPI): Technologische Souveränität klingt abstrakt – warum sollten wir uns alle in Europa dafür interessieren?
Prof. Gerard de Melo: Unser Wohlstand in Deutschland ist zu einem wesentlichen Teil unserer Industrie zu verdanken, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und massiv erweitert werden konnte, etwa in der Automobilbranche. In Zukunft werden jedoch ganz andere Wirtschaftsbereiche dominieren. Schon jetzt entscheidet sich, welche Länder in den nächsten 50 Jahren erfolgreich sein werden und wessen Wirtschaft floriert. Wenn wir beim Thema Technologie den Anschluss verlieren, wird es uns in Zukunft deutlich schlechter gehen. Ein Blick auf unser Smartphone zeigt: Obwohl Europa bei wichtigen Schlüsseltechnologien mitwirkt, geben oft andere Länder im weltweiten Hard- und Softwaremarkt den Ton an. Diese Abhängigkeit ist ein Warnsignal. Dazu kommt die aktuelle geopolitische Lage, die diese Entwicklung zusätzlich verschärft.
HPI: Wie bewerten Sie die aktuelle Position Europas im globalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz – insbesondere im Vergleich zu den USA und China?
Prof. de Melo: Leider spielen europäische Unternehmen beim Thema KI nur selten in der ersten Liga mit, obwohl wir über exzellente Grundlagenforschung verfügen. Es wäre ein Fehler, wenn wir nur noch Innovationen aus anderen Ländern übernehmen. Ziel muss es sein, auf Augenhöhe mitzuspielen und die Technologie mitzuprägen.
HPI: Gibt es konkrete Faktoren, die Sie für Europas Aufholbedarf verantwortlich sehen?
Prof. de Melo: KI steht in den USA und China schon seit geraumer Zeit ganz oben auf der politischen Agenda, während bei uns viele das Ausmaß des kommenden Wandels noch unterschätzen. Erste Ansätze sind vorhanden, zum Beispiel entstehen größere Datenzentren wie in Jülich. Auch in der Grundlagenforschung verfügen wir über eine solide Basis und investieren in die Ausbildung junger Talente. Doch es muss deutlich einfacher und schneller werden, Start-ups zu gründen und nachhaltig wachsen zu lassen. In Estland dauert eine Firmengründung oft nur einen Tag, bei uns noch Wochen oder Monate. Damit visionäre Ideen Wirklichkeit werden, brauchen wir auch innovationsfreudigere Investitionen. Viele der heutigen KI-Erfolge beruhen schließlich darauf, dass auch ohne ausgereiftes Geschäftsmodell Mittel bereitgestellt und neue Konzepte verwirklicht wurden. Etwas mehr Mut in dieser Hinsicht würde uns sicherlich guttun.
HPI: Was bedeutet "KI-Souveränität" für Europa konkret – geht es vor allem um eigene Technologien, Infrastruktur oder auch um Werte und Governance?
Prof. de Melo: Sicherlich wollen wir nicht, dass eine intransparente KI darüber entscheidet, wer zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird oder wer eine Beförderung erhält. KI, die unser Leben prägt, sollte sich an grundlegenden menschlichen Werten orientieren. Ohne technologische Souveränität kann das aber nur schwer gelingen. Wir sehen gerade, wie große Tech-Unternehmen aus den USA versuchen, mit politischem Rückenwind europäische Regulierungen auszuhebeln.
Gänzlich unabhängig von anderen Ländern zu werden, ist kein vernünftiges Ziel. Wichtig ist jedoch, dass wir unsere Resilienz gegenüber potenziellen Risiken ausbauen und Rahmenbedingungen für einen vernünftigen Einsatz von KI schaffen.
HPI: Sie sind Gastgeber der diesjährigen AI@HPI Conference. Wo sehen Sie die größten Chancen und Mehrwerte einer solchen Veranstaltung – sowohl für die Fachcommunity als auch für Wirtschaft und Gesellschaft?
Prof. de Melo: Unser besonderer Mehrwert liegt darin, dass wir Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenführen. Wir wollen weder eine rein akademische Konferenz noch ein reines Branchentreffen, sondern Brücken zwischen verschiedenen Sphären bauen. Daraus entstehen neue Impulse, die zum Nachdenken und Handeln anregen. Lange Zeit hat sich die KI-Forschung eher im "Elfenbeinturm" abgespielt. Heute ist klar: Wir brauchen den Dialog zwischen allen gesellschaftlichen Bereichen.
HPI: Sie selbst forschen seit vielen Jahren an Künstlicher Intelligenz. Welche Rolle spielt die Forschung bei der Stärkung von KI-Souveränität – und wie können Universitäten und Forschungseinrichtungen dazu beitragen, dass Innovation nicht nur in den Laboren bleibt, sondern auch wirklich in Wirtschaft und Gesellschaft ankommt?
Prof. de Melo: Forschung legt das Fundament für das, was in Zukunft möglich sein wird. Bei traditioneller Softwareentwicklung lässt sich relativ gut planen, wie das Ergebnis aussehen soll. Bei KI ist das anders: Hier wissen wir oft nicht im Voraus, welche Methoden und Ansätze zu welchen Zielen führen. Deshalb müssen ständig neue Ideen ausprobiert werden. In der Wissenschaft ebenso wie in Unternehmen. Kreativität, Risikobereitschaft und die Fähigkeit, dynamisch auf Entwicklungen zu reagieren, sind entscheidend. Das erfordert ein engeres Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft. Wir brauchen die Bereitschaft, schnell Neues zu erproben und die nötigen finanziellen Mittel in die Hand zu nehmen. Talente und Start-ups müssen gefördert werden, damit Ideen nicht im Labor bleiben, sondern ihren Weg in die Gesellschaft finden.
HPI: Wenn Sie in die nächsten fünf bis zehn Jahre blicken – was wäre für Sie ein realistisches Szenario, in dem Europa wirklich KI-souverän geworden ist? Wir reden immer viel davon, dass wir nicht hinterherkommen. Aber wo sind unsere Aufholchancen?
Prof. de Melo: Neue wissenschaftliche Ideen können dazu führen, dass KI-Systeme um ein Vielfaches effizienter und günstiger werden. Modelle, die heute noch große Rechenzentren benötigen, könnten dann einfach in die Hosentasche passen. Durch solche Entwicklungen, zusammen mit Open-Source-Software und offenen Daten, werden wir KI-Systeme einsetzen können, die unseren Vorstellungen und Werten entsprechen. Wichtig ist vor allem: Wir müssen die Kontrolle behalten.
HPI: Auf der Konferenz werden auch die KI-Servicezentren Deutschlands ihre Arbeit präsentieren. Worin liegt die große Chance solcher Zentren und was erwartet Besucher:innen dazu auf der Konferenz?
Prof. de Melo: Die KI-Servicezentren sind ein wichtiger Anfang, um in Deutschland die richtigen Rahmenbedingungen für Forschung und Start-ups zu schaffen. Sie bündeln Expertise, Infrastruktur und Daten. Auf der Konferenz wollen wir darüber diskutieren, wie dieses Modell auf die nächste Stufe gehoben werden kann.
Vielen Dank für das Interview!
Weitere Informationen zur Konferenz und zur Registrierung gibt es hier. Die Konferenzsprache ist Englisch.