Artikel

Digital Health und Design Thinking

Einführung

Die HPI d-school im Austausch mit der Icahn School of Medicine at Mount Sinai

Im Rahmen des „Digital Health Partnership Workshops“ am Hasso-Plattner-Institut (HPI) kamen Forschende und Mitarbeitende der Icahn School of Medicine at Mount Sinai aus New York mit verschiedenen Bereichen des HPI zusammen. Auf der Agenda standen unterschiedliche Themen rund um digitale Gesundheit, Forschung und Innovation.

Die HPI d-school gestaltete dabei einen eigenen Programmteil: einen Spotlight Talk von Prof. Dr. Falk Uebernickel zu Design und Digital Health sowie einen Design Thinking Workshop, in dem die Teilnehmenden Methoden des Human-Centered Design selbst erproben konnten.

 

Interessant für

Professionals, Projektpartner:innen, Forscher:innen, Student:innen

Design als Motor für digitale Gesundheitsinnovation

Am ersten Tag hielt Prof. Dr. Falk Uebernickel, Co-Head der HPI d-school, einen Spotlight Talk im Themenblock „AI and Society“ mit dem Titel:

„Design as an Engine for Digital Health Innovation – How Human-Centered Prototyping creates real value for patients“

Seine Kernbotschaft: 
Viele brillante technologische Lösungen scheitern nicht an der Technologie, sondern an der Realität der Menschen, für die sie gedacht sind. 

  • Adoption ist kein Technologie-, sondern ein Human-Problem: Technologien entwickeln sich schnell, doch ihre Einführung in den Alltag verläuft oft schleppend.
  • Design ist der Motor, der Innovation in der Realität landen lässt: Nur wenn Lösungen konsequent an den Bedürfnissen und Routinen der Nutzer:innen ausgerichtet sind, entsteht echte Wirkung.
  • Prototyping als schnellster Weg zur Wahrheit: Durch frühe, greifbare Prototypen können Annahmen getestet und iterativ verbessert werden – lange bevor große Ressourcen investiert sind. 

Anhand von zwei sehr unterschiedlichen Studierendenprojekten zeigte Falk, wie dieser Ansatz in der Praxis aussieht und welche Rolle Design dabei spielt, Verhalten, Kontext und evidenzbasierte Arbeit zusammenzubringen. 

Beispiel 1: CURAFA – Zugang zur primären Gesundheitsversorgung in Kenia neu denken 

Im Projekt CURAFA, einem von Merck KGaA initiierten Social Innovation Pilot in Kenia, arbeitete ein Team gemeinsam mit Design-Thinking-Studierenden daran, die primäre Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Eine zentrale Herausforderung: 
Es gab kaum Daten dazu, wie Menschen tatsächlich in ihrem Alltag Gesundheitsangebote nutzen. Um wirksame Lösungen zu entwickeln, musste das Team zunächst verstehen, wie Menschen konkret ihren Weg zur Versorgung navigieren. 

  • Das Team beobachtete Interaktionsmuster im realen Kontext und begleitete Patient:innen auf ihrem Weg durch das Versorgungssystem.
  • Durch Interviews mit Gesundheitsdienstleistenden wurde deutlich, wie diese Zugang, Vertrauen und Wert aus ihrer Perspektive wahrnehmen.
  • Ein zentrales Learning: Viele Provider hatten vor allem die Optimierung der Klinik im Blick – nicht den Weg der Patient:innen. Die größte Lücke lag weniger in der verfügbaren Medizintechnik, sondern in den alltäglichen Barrieren im Patient:innenverhalten. 

Das Projekt zeigte eindrücklich, wie wichtig es ist, Systemlogiken ebenso zu verstehen wie die individuelle Lebensrealität von Patient:innen. 

Beispiel 2: ABBI – Ein Begleiter für Menschen mit Multipler Sklerose  

Im Projekt ABBI arbeitete das Team an der Frage: 
„Wie könnte ein Patient Support Program der Zukunft für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) aussehen?“ 

MS betrifft weltweit ca. 2,8 Millionen Menschen. Die Krankheit kann sich langsam oder abrupt verschlechtern – mit erheblichen Auswirkungen auf den Alltag. Für das Design bedeutet das: Lösungen müssen Menschen lange vor hohen Beeinträchtigungsgraden unterstützen. 

Um diese Realität zu verstehen, setzte das Team auf Self-Immersion und Experiential Prototyping:

  • Einschränkungen wurden simuliert, um selbst zu erleben, wie sich MS-bedingte Beeinträchtigungen im Alltag anfühlen.
  • Das Team besuchte Patient:innen zu Hause und beobachtete alltägliche Aktivitäten jenseits der Klinik.
  • Der Fokus verschob sich: Nicht nur die Medikation ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, im Alltag zu funktionieren.  

Aus dieser Forschung entstand ABBI, ein Prototyp für einen digitalen Begleiter: 

  • ABBI sendet tägliche Micro-Nudges – kleine Impulse für Bewegung und Aktivität.
  • Ziel ist es, Funktionalität möglichst lange zu erhalten und die Auswirkungen von Behinderung im Alltag zu verlangsamen.
  • Die Intervention basiert auf verhaltenspsychologischen Mechanismen, die zuvor in Low-Fidelity-Experimenten getestet wurden. 

Was wir aus vielen Digital-Health-Projekten gelernt haben

Über beide Projekte hinaus formulierte Falk zentrale Learnings aus zahlreichen Digital-Health-Initiativen: 

  • Verhalten: Der wichtigste Engpass für Wirkung ist fast immer menschliches Verhalten – nicht Technologie.
  • Kontext: Lösungen funktionieren nur, wenn sie tief in der gelebten Realität der Menschen verankert sind.
  • Prototyping: Schnelle, greifbare Prototypen sind der kürzeste Weg zur Wahrheit.
  • Wert: Wert entsteht, wenn Annahmen früh getestet werden – nicht erst am Ende eines Entwicklungsprozesses.
  • Integration: Erst die Verbindung von Design, Evidenz und Wissenschaft ermöglicht skalierbare Lösungen. 

Design Thinking in Aktion: Workshop „Bringing Design Thinking to Digital Health“

Am zweiten Tag setzten wir unseren Beitrag im Workshop-Teil fort: Unter dem Titel „Bringing Design Thinking to Digital Health“ bot die HPI d-school einen kompakten Design Thinking Workshop an, in dem die Teilnehmenden den Prozess selbst erleben konnten. 

Das Workshop-Team der HPI d-school – Flavia Bleuel, Monika Frech, Lukasz Lata, and María-José Juarez Rodriguez – führte die Gruppe durch eine kompakte, aber intensive Challenge:

Redesign the Emergency Room admission process to make it more comfortable for patients.

Ausgehend von dieser Fragestellung erlebten die Teilnehmenden die zentralen Phasen des Design Thinking: 

Die Herausforderung verstehen 
– Was wissen wir schon? 
– Was wollen wir noch herausfinden?

Nutzer:innen verstehen 
– Die Teilnehmenden interviewten sich gegenseitig zu eigenen Erfahrungen in Notaufnahmen.

Bedürfnisse ableiten 
– Welche Bedürfnisse, Emotionen und Pain Points werden im Aufnahmeprozess sichtbar?

Ideen entwickeln 
– Auf Basis der Insights generierten die Teams kreative Lösungsideen.

Prototyp entwickeln 
– Die Ideen wurden als einfache, greifbare Prototypen umgesetzt, um den Aufnahmeprozess erlebbar zu machen.

Testen und Feedback 
– Die Teams testeten ihre Prototypen mit den anderen Teilnehmenden: Was funktioniert und warum? Was funktioniert nicht und warum? 

So konnten die Gäste des Mount Sinai Hospitals Design Thinking nicht nur theoretisch kennenlernen, sondern im Kontext ihrer eigenen Praxis im Gesundheitswesen anwenden.

Ausblick: Gemeinsame Wege für digitale Gesundheit

Der Workshop hat gezeigt, wie viel Potenzial in der Verbindung von klinischer Exzellenz, Forschung und Human-Centered Design liegt. Für die HPI d-school war der Digital Health Partnership Workshop eine wertvolle Gelegenheit, 

  • Einblicke in laufende Projekte zu geben,
  • die Rolle von Design in der digitalen Gesundheit zu schärfen
  • und mögliche Ansatzpunkte für zukünftige Forschungskollaborationen mit dem Mount Sinai Hospital aufzuzeigen. 

Die Gespräche und gemeinsamen Aktivitäten haben deutlich gemacht:
Technologische Innovationen sind schön und gut, aber ohne menschenzentriertes Design und wissenschaftliche Genauigkeit führen sie selten zu Lösungen, die einen echten Mehrwert für das Leben der Menschen schaffen.

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