Am ersten Tag hielt Prof. Dr. Falk Uebernickel, Co-Head der HPI d-school, einen Spotlight Talk im Themenblock „AI and Society“ mit dem Titel:
„Design as an Engine for Digital Health Innovation – How Human-Centered Prototyping creates real value for patients“
Seine Kernbotschaft:
Viele brillante technologische Lösungen scheitern nicht an der Technologie, sondern an der Realität der Menschen, für die sie gedacht sind.
- Adoption ist kein Technologie-, sondern ein Human-Problem: Technologien entwickeln sich schnell, doch ihre Einführung in den Alltag verläuft oft schleppend.
- Design ist der Motor, der Innovation in der Realität landen lässt: Nur wenn Lösungen konsequent an den Bedürfnissen und Routinen der Nutzer:innen ausgerichtet sind, entsteht echte Wirkung.
- Prototyping als schnellster Weg zur Wahrheit: Durch frühe, greifbare Prototypen können Annahmen getestet und iterativ verbessert werden – lange bevor große Ressourcen investiert sind.
Anhand von zwei sehr unterschiedlichen Studierendenprojekten zeigte Falk, wie dieser Ansatz in der Praxis aussieht und welche Rolle Design dabei spielt, Verhalten, Kontext und evidenzbasierte Arbeit zusammenzubringen.
Beispiel 1: CURAFA – Zugang zur primären Gesundheitsversorgung in Kenia neu denken
Im Projekt CURAFA, einem von Merck KGaA initiierten Social Innovation Pilot in Kenia, arbeitete ein Team gemeinsam mit Design-Thinking-Studierenden daran, die primäre Gesundheitsversorgung zu verbessern.
Eine zentrale Herausforderung:
Es gab kaum Daten dazu, wie Menschen tatsächlich in ihrem Alltag Gesundheitsangebote nutzen. Um wirksame Lösungen zu entwickeln, musste das Team zunächst verstehen, wie Menschen konkret ihren Weg zur Versorgung navigieren.
- Das Team beobachtete Interaktionsmuster im realen Kontext und begleitete Patient:innen auf ihrem Weg durch das Versorgungssystem.
- Durch Interviews mit Gesundheitsdienstleistenden wurde deutlich, wie diese Zugang, Vertrauen und Wert aus ihrer Perspektive wahrnehmen.
- Ein zentrales Learning: Viele Provider hatten vor allem die Optimierung der Klinik im Blick – nicht den Weg der Patient:innen. Die größte Lücke lag weniger in der verfügbaren Medizintechnik, sondern in den alltäglichen Barrieren im Patient:innenverhalten.
Das Projekt zeigte eindrücklich, wie wichtig es ist, Systemlogiken ebenso zu verstehen wie die individuelle Lebensrealität von Patient:innen.
Beispiel 2: ABBI – Ein Begleiter für Menschen mit Multipler Sklerose
Im Projekt ABBI arbeitete das Team an der Frage:
„Wie könnte ein Patient Support Program der Zukunft für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) aussehen?“
MS betrifft weltweit ca. 2,8 Millionen Menschen. Die Krankheit kann sich langsam oder abrupt verschlechtern – mit erheblichen Auswirkungen auf den Alltag. Für das Design bedeutet das: Lösungen müssen Menschen lange vor hohen Beeinträchtigungsgraden unterstützen.
Um diese Realität zu verstehen, setzte das Team auf Self-Immersion und Experiential Prototyping:
- Einschränkungen wurden simuliert, um selbst zu erleben, wie sich MS-bedingte Beeinträchtigungen im Alltag anfühlen.
- Das Team besuchte Patient:innen zu Hause und beobachtete alltägliche Aktivitäten jenseits der Klinik.
- Der Fokus verschob sich: Nicht nur die Medikation ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, im Alltag zu funktionieren.
Aus dieser Forschung entstand ABBI, ein Prototyp für einen digitalen Begleiter:
- ABBI sendet tägliche Micro-Nudges – kleine Impulse für Bewegung und Aktivität.
- Ziel ist es, Funktionalität möglichst lange zu erhalten und die Auswirkungen von Behinderung im Alltag zu verlangsamen.
- Die Intervention basiert auf verhaltenspsychologischen Mechanismen, die zuvor in Low-Fidelity-Experimenten getestet wurden.