Hintergrundbild mit Farbverlauf

HPI-Studie: Zwangsstörungen früh mit Wearables erfassen

Ph.D.-Kandidatin am HPI Kristina Kirsten präsentiert das System aus Stirnband-Kamera und Bewegungssensoren an den Handgelenken.

Ich kann einfach nicht anders – ein Satz, den Betroffene sehr oft äußern. 25-mal Händewaschen in kürzester Zeit. Handfläche auf den Pumpspender, viel Seife, immer wieder kreisende Bewegungen unter laufendem Wasser. Im Spiegelbild ertappt man sich – hält kurz inne – und weiß zwar, das ergibt keinen Sinn. Und trotzdem: Der Zwang ist stärker. 

Kristina Kirsten, Ph.D.-Kandidatin am Hasso-Plattner-Institut am Fachbereich Digital Health – Connected Healthcare von Prof. Dr. Bert Arnrich, hat sich intensiv mit dem Thema Zwangsstörungen befasst. Sie arbeitet unter anderem mit dem Psychologielehrstuhl der Universität Basel zusammen und führte unzählige Gespräche mit Ärzt:innen der Psychiatrie am Uniklinikum. Infolgedessen entwickelte sie ein tiefes Verständnis für diese in der Forschung noch sehr unterrepräsentierte psychische Erkrankung.   

Also die Zwangserkrankung ist gar nicht so selten wie man denkt. Weltweit haben rund 2 Prozent aller Menschen mindestens einmal im Leben eine Episode, wo sie unter einer Zwangsstörung leiden. Auch wenn die Betroffenen meist ganz gut wissen, dass ihre Gedanken oder Handlungen irrational sind und diese von der Störung kommen, kann Forschung im Bereich Wearables und IT dahingehend unterstützen.

Im Foyer des Digital Health Clusters am Griebnitzsee begrüßt Kristina die Proband:innen. Sie spürt den Druck eines fehlerfreien Ablaufs, immerhin trägt sie erstmals die alleinige Verantwortung für eine Studie. Vorab das monatelange Verfassen eines Ethikantrags. Das ist zeitintensiv. Gleichzeitig überwiegt dieses erfüllende Gefühl zu wissen, dass sie mit ihrem Tun einen Beitrag leisten kann. 

Eine Versuchsperson wäscht sich die Hände, während an ihren Handgelenken Sensoren angebracht sind

Nach gewissenhafter Einweisung zieht sie den Proband:innen die Kamera wie ein Stirnband über den Kopf und bringt die Beschleunigungssensoren an den Handgelenken an. Diese funktionieren genauso wie die Beschleunigungssensoren einer Smartwatch. Der Sensor erfasst jede Aktivität – Gehen, Laufen oder Handbewegungen – und erzeugt daraus charakteristische Muster in den Beschleunigungsdaten. 

So werden die Proband:innen durch verschiedene Räume, eine Art "Wohnung", geführt und sollen Zwangshandlungen simulieren: Hände waschen, Tür abschließen, Tisch abwischen. Drei Wochen lang waren die Sensoren bei 20 Teilnehmenden im Einsatz. Ziel der Studie: herauszufinden, ob tragbare Beschleunigungssensoren (IMUs) Kontrollzwänge in Räumen lokalisieren und automatisch erkennen können. 

Wichtig: An der Studie nahmen ausschließlich gesunde Erwachsene teil – eine bewusste Entscheidung, sagt Kristina. Denn zuerst einmal soll erprobt werden, ob die Wearables die zwanghaften Handlungen richtig erfassen. Menschen, die tatsächlich unter der Störung leiden, sollen so geschützt werden.

Niemand möchte gegebenenfalls falsche Hoffnungen oder Erwartungen generieren. Stattdessen schaffen wir ein semi-kontrolliertes Umfeld, in welchem wir unter optimalen Bedingungen herausfinden können, ob unsere Hypothesen funktionieren.

Während sich eine Versuchsperson die Hände wäscht, analysiert Kristina Kirsten die aufgezeichneten Daten auf ihrem Smartphone

Zukünftig könnten diese tragbaren Sensoren von Therapeut:innen und Patient:innen genutzt werden. So könnten die Sensoren auch die körperliche Verfassung von Betroffenen deuten – etwa die Anspannung mittels Messung der Herzfrequenz. Sogar eine Art Tagebuch-Eintrag mittels einer App ist möglich und kann eine Grundlage für Gespräche mit Therapeut:innen bilden. Denn – wie so oft – ist die frühzeitige Erkennung entscheidend, sagt Kristina: 

Tatsächlich ist die Chance auf vollständige Heilung höher, je eher man daran arbeitet.

Das große Ziel ist klar: Kristina geht es darum, einen Beitrag zum Feld der mentalen Gesundheit zu leisten: 

Egal wie klein oder groß, es ist so enorm wichtig, sich damit zu beschäftigen, Stigmata zu verringern und Sichtbarkeit für die Vielzahl der Erkrankungen zu generieren.

Neben Kristina ist das Team von Data4Life involviert, sie haben die App für die Datenaufzeichnung mit entwickelt. Als Grundlage diente SensorHub, ein Projekt, an dem HPI-Bachelor- und Masterstudierende am Fachbereich Digital Health – Connected Healthcare über viele Jahre gemeinsam mitgearbeitet haben. 

Besonderen Dank richtet Kristina an diejenigen, die sie bei ihrem Vorhaben immer unterstützt haben: Prof.Arnrich, Tim Walz und David Weese.

Kristina Kirsten präsentiert einem Probanden die App auf einem Smartphone

Letzte Änderung: 11.06.2026, Patrick Lenz