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Vom Lampenfieber zum Stolz: Alumnus Niklas Kämmer

HPI-Alumnus Niklas Kämmer

Früher hätte Niklas über die Idee gelacht, ein Start-up mit auf die Beine zu stellen. Doch oft kommt die Realität anders – und plötzlich baut er etwas, das vielen Menschen hilft. 

 Ich hab‘ immer viel damit gestruggled, an mich zu glauben. Und dann - besonders am HPI…Leute, die immer das Beste in mir sehen wollten und mich zu neuen Herausforderungen gepushed haben. Da hab‘ ich wirklich gelernt, auch selbst zu sehen, was andere in mir sehen.

Niklas Kämmer, Alumnus Master Digital Health

Es gibt diese eine Geschichte von damals, die HPI-Alumnus Niklas Kämmer im Gespräch erzählt. In der Schulzeit musste er mal Vorsingen – und allein der Gedanke daran brachte ihn vor lauter Angst zum Weinen. 

Immer wieder geriet der 24-Jährige in diese angsteinflößenden Präsentier-Situationen. In der Schule, im Bachelor, und besonders am HPI während seines Masters konnte er das Auftreten vor Publikum "trainieren". Er fing an, auf seine Fähigkeiten zu vertrauen – die Panik wurde weniger – und das, was er nie für möglich gehalten hatte, passierte.  Vor einem Jahr hielt er eine Abschlusspräsentation souverän vor 100 Leuten und nahm dafür den “Best Pitch” Award entgegen. Das war 2024, beim “Venture Builder” der HPI Engine, einem Programm, das Studierenden die Möglichkeit bietet, ihre Ideen zu einem Start-up zu entwickeln und Investor:innen vorzustellen.

Niklas Kämmer zeigt seinen „Best Pitch“-Preis und zwei Daumen nach oben von den Sitzreihen im Hörsaal

Mittlerweile im Berufsleben angekommen, tüftelt Niklas an einem Telefonsystem - einem Modell einer KI-Rezeptionistin namens “Luna”. Er ist Product-Engineer des Berliner Start-ups PraxiPal und war von Anfang an seit Gründungsstart dabei. Er kümmert sich darum, die KI so zuverlässig und kund:innenorientiert wie möglich zu machen. 

Niklas Kämmer sitzt mit anderen Studenten auf einer Bank. Er arbeitet mit einem Laptop auf seinem Schoß.

HPI: Hätte dir früher jemand gesagt: Niklas, du wirst mal ein Startup mit auf die Beine stellen – was hättest du erwidert? 

Niklas Kämmer: Ich hätte, glaube ich, ziemlich gelacht. Vielleicht hätte ich auch geträumt, wie es wäre, so etwas zu machen, wenn mir das jemand gesagt hätte. Ich habe mir schon immer gerne vorgestellt, wie es wäre, selbst Dinge zu bauen, die vielen Leuten helfen und sie glücklich machen. Aber richtig geglaubt hätte ich das Ganze nicht. Früher hatte ich definitiv nicht das Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten und allgemein die Vorstellung davon, so viel Verantwortung zu übernehmen und so einen Schritt zu machen, wäre einfach sehr scary gewesen. 

HPI: PraxiPal kurz erklärt… 

Niklas: Die Vision von PraxiPal ist "Building the healthcare workforce for tomorrow". Wir sehen, wie sicherlich alle auch, dass das Gesundheitssystem auf ein großes Problem zuläuft: Immer weniger Personal für immer mehr Patient:innen. Es braucht also Entlastung und die wollen wir schaffen. Zum Beispiel mit unserer KI-Rezeptionistin Luna. Diese kann jetzt schon Erstgespräche, Terminverschiebungen oder auch Gespräche zu Reparaturen (bei Kieferorthopädie-Praxen) übernehmen. Dabei geht es gar nicht darum die Jobs von Leuten zu ersetzen, sondern vielmehr darum den ganzen Overhead, der in so einer Praxis anfällt, zu übernehmen. Damit sich die Fachkräfte auf das fokussieren können, weswegen sie mal in einer Praxis angefangen haben: Die Arbeit mit den Patient:innen. 

HPI: Inwieweit ist PraxiPal ein “neuer” Vorstoß? Was macht ihr anders?  

Niklas: Wenn wir erstmal nur auf unsere KI-Rezeptionistin Luna schauen, dann gibt es da einige Punkte, die wir versuchen anders zu machen. Wenn man an Voice Bots denkt, dann denkt man schnell an "Sagen Sie 1, wenn Sie [...]". Ich kenne niemanden, der damit gute Erfahrung gesammelt hat. Man kommt nicht zum Ziel, weil die Dinger nicht verstehen, was man will. Sie zwingen die Personen in der rudimentären Sprache des Bots zu reden. Wir wollen menschlich agieren. Sprich mit uns, wie du möchtest und wir bringen dich zum Ziel. Zusätzlich haben viele Services, die der Rezeption Entlastung versprechen, das Problem, dass sie nicht mit Praxisverwaltungssystemen integrieren. Sie nehmen dann einfach Aufgaben auf und am Ende müssen die Fachkräfte in der Praxis alles händisch ins System übertragen. Das entlastet kaum. Wir integrieren mit den Systemen der Praxis und handlen die Anliegen der Anrufer Ende zu Ende! 

HPI: Warum glaubst du an diese Idee?  

Niklas: Ich glaube an die Idee, weil ich an das Problem so sehr glaube. Ich sehe schlicht keine Lösung, wie plötzlich genug Personal da sein wird, um den Ansturm an Patient:innen, der auf uns zukommt, zu bewältigen. Da braucht es eben Möglichkeiten, das vorhandene Personal zu entlasten und sie effizienter zu machen. Am Ende kann man da sicher an vielen Stellen ansetzen, aber mein persönlicher Anspruch ist es eben, den Leuten ihren anstrengenden Alltag einfacher und besser zu machen. Und den ganzen Tag nur am Telefon sitzen und immer die gleichen Anfragen zu beantworten, ist definitiv keine der spaßigen Aufgaben von Praxisangestellten. Sie wollen doch viel lieber direkt mit den Patient:innen arbeiten. Und das sehe ich als wirklich coole Möglichkeit für KI, nachhaltigen und ethisch vertretbaren Mehrwert zu schaffen. 

HPI: Dein größter Rückschlag während deiner beruflichen Karriere. Und was du daraus mitnimmst?  

Niklas: Startup ist nicht einfach. Bevor wir an PraxiPal gearbeitet haben, haben wir schon ein Jahr früher an Ideen iteriert. Auch wenn das coole Ideen waren, die sicher auch wichtig gewesen wären, sind wir gegen so viele Roadblocks gelaufen, haben kaum positive Resonanz bekommen von Kunden und Nutzern und letztendlich haben wir die Ideen über den Haufen geworfen und ich habe mich gefragt, ob so eine Arbeit wirklich was für mich ist. Ich glaube, das größte Learning aus der Zeit war einfach, Resilienz zu zeigen. Es ist immer einfach aufzugeben, nur damit der ganze Struggle vorbei ist. Aber das Durchhaltevermögen hat mich am Ende zu dem Punkt gebracht, von dem ich geträumt habe! 

HPI: Deine 3 größten Learnings."Hätte mir das damals jemand gesagt, wäre es einfacher gewesen…" 

Niklas: 

  1. Wenn man ein Produkt baut, sucht man nach einer Idee, die die Leute dir aus der Hand reißen wollen. Ein oder auch mehrere "Joa klingt ganz cool. Könnt euch ja nochmal melden, wenn ihr weiter seid", sind nicht genug.
  2. Es gibt immer viel zu viel zu tun und das wird immer so bleiben im Startup. Priorisieren ist key.
  3. Herausforderungen machen die Arbeit interessant. Wenn man sich jedes Mal sagt "Morgen ist auch noch ein Tag", "Ach das ist 80/20" oder "Ne das geht einfach nicht", dann macht man es sich sehr einfach. Und auf "einfach" wird man in 10 Jahren nicht stolz sein. Manchmal braucht es den extra effort, den Perfektionsgedanken und das Kopfzerbrechen über ein unlösbares Problem. Die Outcomes, die man damit macht - das ist worauf man stolz ist und was auch die Firma am weitesten vorantreibt. 

Mittlerweile ist die KI-Rezeptionistin schon bei einer Vielzahl an Praxen im Einsatz – doch Niklas Kämmer und sein Team sind noch lange nicht am Ende ihrer Reise.

Wir bedanken uns für dieses Gespräch, Niklas Kämmer! 

Letzte Änderung: 30.07.2025, Patrick Lenz