Der Hörsaal am HPI war wieder voll besetzt, das Interesse an diesem Event erneut groß. Nach der erfolgreichen ersten Ausgabe im vergangenen Jahr fand am 25. und 26. März 2026 das zweite Digital Health Innovation Forum statt. Rund 370 Gäste aus Forschung, Wirtschaft und Politik nahmen in diesem Jahr daran teil. Sie diskutierten gemeinsam über neue Ansätze und Herausforderungen – in einer Zeit, in der der Austausch wichtiger ist als je zuvor.
Die digitale Transformation im Gesundheitswesen beschleunigt sich: schneller, intelligenter und vernetzter als je zuvor. Daten- und technologiegestützte Versorgungsmodelle verändern die medizinische Praxis – von Telemedizin und Fernbehandlung bis hin zu KI-gestützter Diagnostik und personalisierter Medizin. Zum Auftakt begrüßten Prof. Ariel Dora Stern und Prof. Lothar H. Wieler als Gastgeber:innen der Konferenz die Teilnehmenden aus aller Welt auf dem HPI-Campus.
Save the date
Das nächste Digital Health Innovation Forum findet am 17. und 18. März 2027 am Hasso-Plattner-Institut statt.
DHIF Webseite
Wenn sich Forschende nur untereinander austauschen, ist das nicht der beste Weg, um Wirkung zu erzielen. Genau das tun wir hier auch nicht. Stattdessen sind führende Köpfe aus Industrie und Politik mit dabei, und es ist dieser Austausch von Ideen zwischen uns allen, der das größte Transformationspotenzial hat.
Prof. Ariel Dora Stern, DHIF-Gastgeberin und Fachgebietsleiterin "Digital Health, Economics & Policy" am HPI
Exponat: Voice Monitoring mit KI – Was die Stimme über das Herz aussagt
Für Digital Health zum Anfassen sorgten verschiedene Exponate im Hörsaalfoyer, so zum Beispiel das Startup Noah Labs. Herzinsuffizienz ist die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte älterer Menschen – und fast immer eine Frage von Leben oder Tod. Das hat Dr. Leonhard Riehle, Mitgründer von Noah Labs, bei seiner Arbeit als Kardiologe an der Charité Berlin oft erlebt. Das Problem: Mit klassischen Diagnosemethoden wie Blutuntersuchungen wird oft erst zu spät erkannt, wenn sich der Zustand eines Patienten oder einer Patientin verschlechtert.
Das wollen die Gründer:innen von Noah Labs ändern: Ein KI-Modell soll den Status einer Herzinsuffizienz künftig anhand der Stimme von Patient:innen erkennen. Denn eine Verschlechterung kann man hören – nur eben nicht immer mit dem menschlichen Ohr. "Unser langfristiges Ziel ist es, vermeidbare Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen vollständig zu eliminieren", sagt Mitgründer und CTO Marcus Hott.
Chatbot statt Behandlungszimmer
KI eröffnet neue Perspektiven, nicht nur für medizinisches Fachpersonal, sondern auch für Patient:innen. Täglich nutzen 40 Millionen Menschen ChatGPT für gesundheitliche Fragen, sagte Digital-Health-Expertin Inga Bergen in ihrer Keynote "How Patients Use AI". Patient:innengeschichten starten immer öfter vor dem Computer, statt im Behandlungszimmer. Warum ist das so, und was bedeutet das für den Bereich Digital Health?
Eine mögliche Antwort darauf gab die Townhall "How digitally empowered patients are changing care delivery", moderiert von Inga Bergen. Zu Gast: Shireen Saxena von Ada Health, einer App für KI-gestützte Symptomanalyse, HPI-Professorin Katarina Braune für Digital Health und die Patient:innenvertreter:innen Damian Washington und Pauline Gieseler.
Empowerment durch KI
Sie alle haben gemein, dass sie nicht nur Digital-Health-Expert:innen sind, sondern gleichzeitig selbst Patient:innen, die durch KI befähigt wurden. Sie erzählten, wie KI ihnen half, Arztbesuche informierter und gezielter vor- und aufzubereiten, ihre Diagnosen zu beschleunigen, ihre eigenen smarten Digital-Health-Geräte zu bauen und für sich einzustehen.
Der zentrale Punkt bleibt dabei nicht die Technologie selbst, sondern das Bedürfnis, gehört und ernst genommen zu werden. Besonders jüngere Betroffene erwarten von Ärzt:innen die individuelle, empathische Kommunikation, die für den Austausch mit Chatbots charakteristisch ist und wollen aktiv an Entscheidungen über ihre Behandlung und ihr Leben mit der Erkrankung mitwirken.
Prof. Katarina Braune richtete sich deshalb an alle anwesenden Gründer:innen und plädierte dafür, sich Menschen mit gelebter Erfahrung in ihr Team zu holen, wenn sie Digital-Health-Produkte entwickeln. Gleichzeitig müsse auch die KI verbessert werden, um sie für Patient:innen sicherer zu machen.
Bildergalerie Tag 1 (Fotos: HPI/Reinhardt & Sommer)
Internationale Perspektiven, klare Botschaften
Bei den Expert Lectures am Nachmittag des ersten Konferenztages wurde deutlich, wie unterschiedlich die Ansätze sind und wie stark sie sich ergänzen.
- Prof. Kyle Meyers von der Harvard Medical School machte den Auftakt mit einer eindrücklichen Einordnung: "We are all healthier because of innovation." Seit 1800 habe sich unsere Gesundheit messbar verbessert, wie Statistiken zeigten. KI beschleunige die Ideenfindung in der Forschung massiv, doch Ideen bedeuteten nicht automatisch bessere Ideen. Jetzt sei die Zeit, bewusst zu experimentieren, zu lernen und die eigenen "Research Factory Floors" neu zu denken.
- Carmel Shachar von der Harvard Law School lenkte den Blick auf die regulatorische Perspektive. Zwischen unregulierten und überregulierten Bereichen stellt sich die zentrale Frage: Wie schaffen wir ein Gesundheitssystem, in dem KI verantwortungsvoll eingesetzt wird und gleichzeitig den Zugang zur Versorgung verbessert?
- Imperial College-Professor Aldo Faisal ordnete den Stand der digitalen Gesundheit in eine spannende Analogie ein. Verglichen mit einem Computerspiel stehen wir noch relativ am Anfang. Was uns voranbringt: Die bessere Nutzung von Gesundheitsdaten, das systematische Sammeln von Daten statt fragmentierter Ansätze und konkrete Lösungen für reale Probleme wie Wartezeiten in der Gesundheitsversorgung.
Exponat: Challenge-D – Leistungssport mit Typ-1-Diabetes
"Ich habe mich alleine gefühlt, sehr einsam." Felix Petermann, ehemaliger Leistungssportler und seit seiner Jugend Typ-1-Diabetiker, beschreibt so die Zeit nach seiner Diagnose. Genau hier setzt Challenge-D an – ein Forschungsprojekt am HPI, wissenschaftlich begleitet von Prof. Dr. Katarina Braune. Im Fokus steht eine oft übersehene Herausforderung: Leistungssport mit Typ-1-Diabetes.
Die Versorgung ist da – aber nicht immer passend. "One size does not fit all", sagt Diabetesberaterin Ulrike Thurm, die seit Jahrzehnten mit Betroffenen arbeitet und selbst mit der Erkrankung lebt. Wer Sport auf hohem Niveau betreibt, muss vieles im Voraus mitdenken, planen, anpassen. Digitale Technologien eröffnen hier neue Möglichkeiten: Daten können in Echtzeit ausgewertet und Therapien kurzfristig angepasst werden.
Genau diese Verbindung aus medizinischem Wissen, individueller Betreuung und technologischer Unterstützung steht im Zentrum von Challenge-D. Das Ziel ist klar: die Lebens- und Leistungsqualität von Sportler:innen mit Typ-1-Diabetes so zu verbessern, dass ihre Erkrankung sie im Sport nicht ausbremst.
Gesundheitsdaten: Deutschland im Fokus
In diesem Jahr gab es eine Neuerung auf der bisher klar international ausgerichteten Konferenz. 2026 wurden erstmals Panels auf die Agenda gesetzt, die sich mit Deutschland-spezifischen Themen befassten und Expert:innen zusammenbrachten, die dabei helfen können, zukünftige Entwicklungen mitzugestalten. Das Bundesgesundheitsministerium (BGM) war Partner des zweiten Konferenztages.
Das Forum diskutierte den Umgang mit Gesundheitsdaten in Deutschland – sowohl, was bereits möglich ist, als auch, was als Nächstes geschehen muss – sowie die Evidenz für digitale Gesundheitsanwendungen und digitale Therapeutika. Ein Bereich, in dem Deutschland weltweit eine führende Rolle beim Aufbau von Regulierungs- und Erstattungsrahmen einnimmt. Deutschland kann und sollte nach Ansicht von Prof. Stern gute Beispiele für die nächsten Schritte setzen.
Nichthandeln als unterschätztes Risiko
Eine Erkenntnis zog sich durch die Diskussionen beim Digital Health Breakfast Talk: KI im Gesundheitswesen habe kein Potenzialproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Entscheidend sei nicht mehr nur, wie Innovation entsteht, sondern wie sie schneller, sicher und im richtigen Moment in der Versorgung ankommt. Dabei überschätzten wir häufig das Risiko des Handelns – und unterschätzten das Risiko des Nichthandelns. "Regulatory Sandboxes" könnten ein entscheidender Hebel sein, um Innovation, Patientensicherheit und reale Anwendung besser zusammenzuführen.
Bildergalerie Tag 2 (Fotos: HPI/Reinhardt & Sommer)
"Ohne sichere Infrastruktur sind Tools nutzlos"
Philipp Müller, Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation des BGM, betonte die Bedeutung einer zuverlässigen und sicheren Infrastruktur für den Gesundheitsbereich. Ohne die seien auch die besten Digital Health Tools nutzlos. Das Ministerium strebe langfristig an, ein vollständig vernetztes Ökosystem für Gesundheitsdaten in Deutschland und darüber hinaus aufzubauen und einen sicheren Datenaustausch zu fördern, sodass Gesundheitsdienstleister:innen schneller als bisher zu Durchbrüchen gelangen.
Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen stehen weiterhin die Patient:innen, die einen besseren Zugang zu ihren eigenen Gesundheitsdaten und mehr Kontrolle darüber erhalten sollen. Ein solches Rahmenwerk solle nicht nur die Effizienz, sondern auch die Qualität der Versorgung insgesamt verbessern.
Die Zukunft der Gesundheitsversorgung wird nicht nur digital, sie wird kollaborativ und menschen-zentriert sein. Das Wichtigste: Wir müssen Gesundheit vor Ort bei den Menschen denken.
Prof. Lothar H. Wieler, DHIF-Gastgeber und Fachgebietsleiter "Digital Global Public Health" am HPI
Verstreute Daten, ungenutztes Potenzial
Deutschland verfügt über große Mengen nützlicher Gesundheitsdaten. Aber sie liegen an unzähligen Orten verteilt – bei Ärzten, Kliniken, Unis, Start-ups. Ohne, dass jemand einen Gesamtüberblick hat. Dieser Datenschatz, darüber waren sich auch die Teilnehmenden der Town Hall "Advancing German Health Data for Innovation and R&D: What Works Today and What Comes Next" einig, muss gehoben werden, um Forschung und Entwicklung zukunftsfähig zu machen.
Der Tenor: Datenschutzregularien müssen schlanker, verständlicher werden. Und: Die Kommunikation zwischen denen, die über Daten verfügen und sie erheben, muss transparenter sein. Nur so ließen sich Gesundheitsdaten strukturiert und in großer Skalierung nutzen.
Geplantes EU-Gesetz bringt Hoffnung
Große Hoffnung, da waren sich die Teilnehmer:innen einig, macht das geplante EU-Gesetz "European Health Data Space" (EHDS). Es soll dafür sorgen, dass Gesundheitsdaten digital, sicher und europaweit nutzbar sind. Wenn die Norm einheitlich und ohne große nationale Alleingänge umgesetzt werde, könne man aus den Datensilos ein Ökosystem von Gesundheitsdaten machen, das die Versorgung ins digitale Zeitalter holt.
Weitere Artikel
Letzte Änderung: 21.04.2026, Mareike Schreiber