Patient:innen müssen nicht immer ins Krankenhaus – trotzdem kann ihre Versorgung sicherer werden. Anne Sophie Platzbecker setzt sich dafür ein, dass "Hospital-at-Home" in Deutschland Realität wird, ein Konzept, das sie während ihres Master of Business Administration (MBA) in "Healthcare Innovation" in Israel kennenlernte.
Ich wollte schon immer etwas bewegen und über das Individuelle hinaus einen Beitrag leisten. Ich arbeite leidenschaftlich für Menschen, hinterfrage Strukturen und gestalte Versorgung aktiv mit, statt nur Leitlinien abzuarbeiten.
Nach ihrem Medizinstudium an der TU Dresden und der Facharztausbildung in Innerer Medizin und Hämatologie/Onkologie am Universitätsklinikum Dresden und Leipzig ist sie heute Postdoktorandin am HPI-Fachgebiet Digital Health, Economics & Policy unter der Leitung von Prof. Dr. Ariel Stern. Dort verbindet sie klinische Medizin mit innovativen Technologien. Parallel leitet sie die Abteilung Innovation & Transformation an der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem.
HPI: Du bist Ärztin UND Wissenschaftlerin – inwiefern gibt dir diese Kombination einen besonderen Mehrwert?
Anne Sophie Platzbecker: Diese Kombination ist für mich ein riesiger Mehrwert, weil ich dort ansetzen kann, wo ich in der Klinik sehe, dass es hakt. Ich habe früh gemerkt, dass ich als Ärztin am Patienten direkt helfen kann, mir das aber auf Dauer nicht reicht. Ich wollte aktiv neue Lösungen entwickeln – durch klinische Studien, digitale Tools und neue Versorgungsmodelle.
Die Doppelrolle erlaubt mir genau das: Ich kenne die medizinischen Bedürfnisse und Engstellen aus erster Hand und kann in der Forschung gezielt daran arbeiten, sie zu verbessern. Am Hasso-Plattner-Institut und in meinen Projekten am EKFZ Dresden sowie an der neuen Medizinischen Universität Lausitz -Carl Thiem bringe ich diese beiden Welten zusammen – Medizin, digitale Innovation und Forschung. So kann ich dazu beitragen, dass neue Ideen wirklich in der Versorgung ankommen und das Leben von Patient:innen spürbar besser machen.
HPI: Du beschäftigst dich intensiv mit dem Modell Hospital-at-Home. Ganz konkret: Hast du von Patient:innen Dank erfahren, die von diesem Modell profitiert haben?
Anne Sophie: Da wir in Deutschland noch daran arbeiten, Hospital-at-Home zu etablieren, kann ich von meinen Erfahrungen aus Israel berichten, wo ich das Modell im letzten Jahr intensiv kennengelernt habe – und genau diese Erlebnisse haben mich motiviert, es nach Deutschland zu bringen. Da gab es zum Beispiel Patient:innen mit Leukämie, die ihre Chemotherapien sicher zu Hause erhalten konnten – sogar nach einer Transplantation waren einige in der Lage, frühzeitig heimzukehren. Das Ergebnis: weniger Infektionen, weniger Komplikationen und eine spürbar bessere Lebensqualität. Oder Patient:innen nach Hüft-OPs, die viel schneller wieder mobil waren, weil sie in ihrem vertrauten Umfeld waren – weniger Wundinfektionen, weniger Stress, mehr Selbstständigkeit. Diese Geschichten zeigen einfach, wie kraftvoll und sicher diese Form der Versorgung sein kann – und genau das treibt mich an, hier in Cottbus, Dresden und am Hasso-Plattner-Institut daran zu arbeiten, dass wir das auch in Deutschland möglich machen.
HPI: Du kämpfst mit einigen Hürden in Deutschland, u. a. veraltete Systeme. Wie ist dein "Überzeugungs"-Ansatz?
Anne Sophie: Mein Überzeugungsansatz beginnt damit, den Menschen zuzuhören und ihre Sorgen ernst zu nehmen. Veraltete Systeme sind eine Herausforderung, aber ich zeige, dass wir sie mit bestehenden Standards z.B. im Bereich der Interoperabilität aber auch die ePA einbinden können, ohne alles neu zu erfinden. Ich setze auf Transparenz, indem ich genau erkläre, wie Prozesse ablaufen, wo die ärztliche Verantwortung bleibt aber auch pflegerische Expertise einen großen neuen Stellenwert einnehmen kann und wie Sicherheit sowie Datenschutz gewährleistet werden. Ich zeige auch, dass Hospital-at-Home (H@H) kein radikaler Umbruch ist, sondern ein Schritt-für-Schritt-Prozess, den wir gemeinsam gehen, mit Pilotprojekten, die Vertrauen schaffen. Ich zeige Daten aus vergleichbaren internationalen Projekten und arbeite eng mit den Menschen vor Ort – ob Ärzt:innen, Pflegekräfte oder IT-Fachleute – damit sie selbst sehen, wie das Modell funktioniert. Überzeugung entsteht, indem ich alle an einen Tisch hole, ihre Expertise einbeziehe und gemeinsam Lösungen erarbeite, die am Ende die Versorgung verbessern – und das ist es, was letztlich überzeugt.
HPI: Was war dein letztes großes oder kleines Erfolgserlebnis, bei dem du dachtest: "Jetzt geht’s voran!"
Anne Sophie: Ein großes Erfolgserlebnis war, dass wir einen wissenschaftlich begleiteten Antrag für ein Pilotprojekt einreichen konnten, das die Grundlage für die zukünftige Evaluierung innerhalb der Regelversorgung schaffen soll. Dass wir dabei eine Krankenkasse gewinnen konnten, die uns aktiv unterstützt, ist ein starkes Signal. Ein weiteres schönes Erfolgserlebnis war, wie positiv die Resonanz in unseren Gesprächen mit den lokalen Stakeholdern ist – sie sehen den Bedarf und das Potenzial, auch wenn die Umsetzung noch Hürden hat. Dass wir trotz der Herausforderungen Menschen dafür begeistern können, gemeinsam diesen Weg zu gehen, zeigt mir: Wir sind auf dem richtigen Pfad.
HPI: Was sind die größten Missverständnisse, wenn es um Hospital-at-Home geht – und wie würdest du diese auflösen?
Anne Sophie: Ein häufiges Missverständnis ist, dass Hospital-at-Home einfach eine ambulante Versorgung sei – dabei geht es um stationäre Patient:innen, die intensiv betreut werden, nur eben zu Hause. Ein weiteres Missverständnis ist, dass die Technik zu kompliziert sei – wir nutzen einfache, gut begleitete Lösungen, und Pflegekräfte sowie Advanced Practice Nurces (APNs) unterstützen vor Ort. Viele glauben auch, dass es teurer und aufwendiger wäre – internationale Modelle zeigen, dass es kosteneffizient ist, weil Krankenhausaufenthalte verkürzt werden, Komplikationen abnehmen und Ressourcen besser genutzt werden. Telemedizin und Remote Monitoring spielen eine große Rolle: Virtuelle Visiten und kontinuierliche Überwachung ersparen viele Vor-Ort-Termine und machen die Betreuung effizienter. Am Ende profitieren Patient:innen durch weniger Komplikationen und schnellere Erholung, und wir zeigen, dass diese Form der Versorgung sowohl qualitativ als auch wirtschaftlich sinnvoll ist.
HPI: Hospital-at-Home: Was ist der größte Benefit für das Klinikpersonal und für die Patient:innen?
Anne Sophie: Der größte Benefit für die Patient:innen ist, dass ihre Lebensqualität deutlich gesteigert wird – internationale Modelle zeigen, dass sie weniger Komplikationen haben, weniger wieder eingewiesen werden und so länger in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Gerade für Patient:innen, zum Beispiel Krebspatient:innen mit limitierter Lebenserwartung, kann das einen enormen Unterschied machen. Sie erholen sich schneller, haben weniger Stress, und ihre Angehörigen sind direkt bei ihnen. Die Versorgung ist engmaschig, individuell und gibt ihnen Sicherheit, während sie ihre Selbstständigkeit bewahren. Für das Klinikpersonal und das Gesundheitswesen insgesamt liegt der große Vorteil darin, dass die Ressourcen klug eingesetzt werden. Es geht nicht darum, die Klinik leer zu machen, sondern die komplexeren Fälle dort zu konzentrieren und weniger komplizierte Patient:innen zu Hause zu betreuen. Dadurch entstehen neue, attraktive Rollen, gerade für akademische Pflegekräfte und APNs, die mehr Verantwortung übernehmen und autonomer arbeiten können. Ein Hospital-at-Home-Team ergänzt das Team in der Klinik, ohne ihr etwas wegzunehmen – es verschiebt die Ressourcen sinnvoll und sorgt so dafür, dass am Ende alle profitieren: das Personal, das Gesundheitswesen und vor allem die Patient:innen.
HPI: Viele Menschen befürchten, den persönlichen Austausch mit Ärzt:innen zu verlieren. Ist diese Sorge berechtigt?
Anne Sophie: Diese Sorge ist verständlich, aber in der Praxis nicht gerechtfertigt – im Gegenteil, der Austausch wird oft sogar intensiver. Durch regelmäßige virtuelle Visiten, die gezielt und ohne Zeitdruck stattfinden, und durch die Möglichkeit des Remote Monitorings sind Ärzt:innen oft viel näher an den Patient:innen dran. Es gibt strukturierte, geplante Gespräche, und die Patient:innen fühlen sich gehört, weil diese Visiten ganz auf sie zugeschnitten sind. Außerdem sind die Ärzt:innen durch die kontinuierlichen Daten oft besser im Bild über den Zustand der Patient:innen als bei kurzen Klinikvisiten. Der persönliche Kontakt bleibt also nicht nur bestehen, er wird sogar qualitativ besser – und viele Patient:innen empfinden das als sehr positiv.
HPI: Welche nächsten Schritte müssen passieren, damit Hospital-at-Home in Deutschland Fuß fassen kann – und wo ist es besonders sinnvoll?
Anne Sophie: Damit Hospital-at-Home in Deutschland Fuß fassen kann, brauchen wir klare Abrechnungswege, nationale Standards und eine rechtliche Grundlage, die sowohl die Haftung als auch die Absicherung von Ärzt:innen und Pflegekräften regelt. Es braucht Incentivierungen, wie in Israel, um Kliniken zu motivieren, einen Teil ihrer Leistungen als Hospital-at-Home anzubieten. Wichtig sind zudem die Aus- und Weiterbildung für das Personal, interoperable IT-Systeme, die nahtlos zwischen Klinik und Zuhause funktionieren, und Vergütungsmodelle, zum Beispiel Hybrid-Diagnosis Related Groups (DRGs), die diese Leistungen abbilden. Die demografische Entwicklung zwingt uns, jetzt umzudenken und vorauszuplanen, damit wir die Ressourcen langfristig richtig einsetzen.
HPI: Was hast du in deinen letzten beruflichen Jahren gelernt, dass du jedem gerne mitgeben würdest?
Anne Sophie: In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass echte Veränderung im Gesundheitswesen nur gelingt, wenn man Mut hat, neue Wege zu gehen – auch wenn Strukturen und Routinen dagegensprechen. Innovation entsteht nicht durch perfekte Bedingungen, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und Ideen konsequent in die Praxis bringen.