Wenn man an Mode denkt, denkt man selten an Serverräume, Code oder Künstliche Intelligenz. Doch hinter Kollektionen, Lagerbeständen und Online-Empfehlungen steckt längst Datenanalyse. Data Scientists können Mode dadurch nicht nur schöner, sondern auch klüger und nachhaltiger machen.
Die HPI-Doktorandin Alexandra Kudaeva hat zwei Jahre lang als Data Scientist bei einem der größten Modelabels in Deutschland gearbeitet. Sie war Teil des Outfit-Recommender Teams. Parallel dazu gründete sie ein Startup, das Künstliche Intelligenz einsetzt, um energieeffiziente Lösungen im Architekturbereich zu entwickeln.
Aktuell forscht Alexandra am Lehrstuhl von Professor Gerard de Melo. Ihr Thema sind multimodale Sprachmodelle. Das sind KI-Systeme, die gleichzeitig verschiedene Arten von Daten wie Text, Bilder oder Video verstehen und verarbeiten können. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Bildverarbeitung – also darauf, wie man hochauflösende Bilder so codiert, dass keine Details verloren gehen.
Das Interview: Alexandra über KI in der Modebranche
Hasso-Plattner-Institut (HPI): Was ist deine Verbindung zum Bereich KI und Mode?
Alexandra Kudaeva: Ich habe zwei Jahre lang als Data Scientist bei einem Modelabel gearbeitet und war Teil des Outfit-Recommender Teams. Mein Hauptfokus lag auf der Verbesserung von Empfehlungen für ähnliche und kompatible Outfits im Onlinehandel. Später arbeitete ich auch an Projekten, die den Einsatz von GenAI (generativer KI) in kreativen Ideation-Prozessen untersuchten, um Designer in den frühen Phasen der Produktionspipeline zu unterstützen. Darüber hinaus entwickelte ich Algorithmen zur Suche nach Digitaldruck-Motiven für den Design Prozess. Bessere, intuitivere Suchalgorithmen beschleunigen und vereinfachen diesen Prozess.
HPI: Wo kommt KI im Modebereich jetzt schon zum Einsatz?
Alexandra: In letzter Zeit häufen sich die Fälle, in denen GenAI eingesetzt wird, um Designer in ihrem kreativen Prozess zu unterstützen – von der Generierung von Designs aus Inspirationsbildern und Moodboards bis hin zur Erstellung fotorealistischer Bilder aus Skizzen mit unterschiedlichen Details und Materialien innerhalb von Sekunden. Ziel ist es, den Produktionszyklus zu verkürzen, Ressourcen zu sparen, die sonst für die Herstellung physischer Muster von Kleidungsstücken aufgewendet würden, die später möglicherweise nicht in Modekollektionen aufgenommen werden, und allgemein Prozesse effizienter und ressourcenschonender zu gestalten.
Abgesehen von der direkten Beteiligung an der Modegestaltung hilft GenAI auch dabei, sich schneller und einfacher im Modebereich zurechtzufinden – etwa durch das automatische Erstellen von Produktbeschreibungen, das Sortieren von aktuellem und vergangenem Lagerbestand und somit die Ermöglichung einer schnellen und intuitiven Suche innerhalb von Bibliotheken mit bestehenden Modedesigns, Designelementen und digitalen Drucken.
Die Modeindustrie besteht jedoch nicht nur aus Design. Neben dem kreativen Gestaltungsprozess gibt es eine lange Kette technischer und geschäftlicher Abläufe, die erfolgreich von verschiedenen Arten von KI-Modellen unterstützt werden. Beispiele hierfür sind die Vorhersage von Modetrends und Nachfrage zu Beginn des Produktionszyklus sowie personalisierte Empfehlungen für ähnliche und passende Modeartikel, Stile, Größen und Passformen am Ende.
HPI: Was ist in absehbarer Zeit möglich?
Alexandra: Trotz der Fortschritte im Bereich der KI und zahlreicher Pilotprojekte, die darauf abzielten, die Erfahrungen sowohl für Mitarbeitende von Modeunternehmen als auch für Kund:innen zu verbessern, gibt es nach wie vor viele ungelöste Probleme. So existieren beispielsweise noch keine perfekten personalisierten Empfehlungen im Modebereich. Es ist äußerst schwierig vorherzusagen, wie ein Kleidungsstück einer bestimmten Person passen wird, da es eine enorme Vielfalt und Heterogenität gibt. KI-Modelle haben zudem Schwierigkeiten im Umgang mit abstrakten Konzepten – ein wesentlicher Bestandteil des Designprozesses. Hoffentlich wird sich die KI bald auch in diesen Bereichen weiterentwickeln.
HPI: Wo kann KI-Nutzung negative Auswirkungen haben?
Alexandra: Ideenplagiate und fehlende Neuartigkeit: Das beobachten wir derzeit häufig im Bereich der Bildgenerierung. KI ermöglicht es, persönliche Kunststile in großem Maßstab zu reproduzieren. Bildgenerierung ist eine Black Box – es ist schwer nachzuvollziehen, ob ein generiertes Design möglicherweise die Arbeit anderer wiederholt, weil diese Teil der Trainingsdaten waren. Daher sollten Menschen im Prozess eingebunden bleiben und KI lediglich als unterstützendes Werkzeug für Designer:innen eingesetzt werden.
KI ist außerdem nicht frei von Bias. Dies sollte unbedingt berücksichtigt werden, wenn solche Algorithmen in der Produktion implementiert werden.
HPI: (Wie) Können wir sicherstellen, dass KI in der Modebranche verantwortungsbewusst genutzt wird?
Alexandra: Erstens: Menschen immer im Entscheidungsprozess belassen. Zweitens: Nutzer:innen über KI und ihre Grenzen aufklären.
HPI: Was wäre deine Vision, wie KI in der Modebranche eingesetzt werden sollte?
Alexandra: Ich träume von einer Welt, in der KI dazu beiträgt, die Modebranche nachhaltig zu gestalten. Richtig eingesetzt, kann KI Großartiges bewirken: Sie kann die Überproduktion drastisch reduzieren, nachhaltige Entscheidungen unterstützen und gleichzeitig kreative Freiheit im Designprozess ermöglichen. Derzeit wird KI in der Modebranche hauptsächlich zur Gewinn- und Umsatzsteigerung genutzt. Ich hoffe, dass wir bald mehr Anwendungen sehen werden, bei denen KI gezielt für das Gute eingesetzt wird – für mehr Nachhaltigkeit, Transparenz und verantwortungsbewusstes Handeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette.