Eine große Chance im Bereich Digital Health ist die Prävention. Was das genau bedeutet? Gesundheitsprobleme möglichst vorzubeugen, bevor sie auftreten und damit ihre Ausbreitung verhindern. Dies kann durch individuelle Maßnahmen wie Impfungen erfolgen, oder gesamtgesellschaftlich durch die Förderung gesundheitsrelevanter Arbeits- und Lebensbedingungen. Dazu zählen zum Beispiel Sport- und Ernährungsangebote oder gesetzliche Regelungen, wie etwa das Nichtraucherschutzgesetz.
Prävention ist auch eines der Hauptfokusfelder von Prof. Lothar Wieler, der am HPI das Fachgebiet “Digital Global Public Health” leitet und Sprecher des Digital Health Clusters ist.
Im Interview erklärt er, wie innovative Technologien wie Wearables, KI-gestützte Chatbots und intelligente Algorithmen dazu beitragen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen oder vorzubeugen.
Hasso-Plattner-Institut: Warum ist Künstliche Intelligenz im Bereich Prävention so vielversprechend?
Prof. Lothar Wieler: Ein Vorteil liegt darin, dass Informationen im Gesundheitswesen leichter zielgruppenspezifisch adressiert werden können - zum Beispiel können über Bilder und Sprache die kulturellen Hintergründe, der sozioökonomische Status oder der Gesundheitsstatus wesentlich besser miteinbezogen werden. Auch die Aussagekraft prädiktiver Analysen steigt: zum einen, durch die Möglichkeit Daten aus unterschiedlichen Datensilos miteinander zu vernetzen, zum anderen durch die Möglichkeit, Daten unterschiedlicher Herkunft mittels Algorithmen gemeinsam auszuwerten. Ein weiteres Gebiet sind etwa Wearables, die zum Beispiel eine barrierefreie Ermittlung von Risikoindikatoren ermöglichen, die dann unmittelbar dem Träger zurückgemeldet werden. Das kann zum Beispiel Diabetikern oder Schlaganfallpatienten zugutekommen. KI-generierte Chatbots können außerdem mit deutlich höherer Qualität spezifische Fragen im Dialog beantworten, sowie niedrigschwellige und zu jeder Zeit unabhängige sachliche Informationen bieten, so dass eine Beratung unabhängig von z.B. Sprechstunden in Arztpraxen möglich ist. Nicht zuletzt können damit telemedizinische Anwendungen ohne Arztbesuche deutlich optimiert werden.
HPI: Das klingt wirklich vielversprechend - welche Beispiele gibt es noch, die für die Bevölkerung insgesamt relevant sind?
Prof. Wieler: Bei Hitzewellen zum Beispiel werden Daten in Wearables genutzt, um chronisch Kranke gezielt zu informieren und zu beraten. In der Pflege können anhand von Bewegungsprofilen bestimmte dokumentationspflichtige Tätigkeiten erfasst werden. Damit spart man erheblich Zeit. Surveydaten aus der Erfassung von influenza-ähnlichen Symptomen, wie zum Beispiel durch das GrippeWeb des RKI, können mit weiteren Daten der Studienteilnehmer vernetzt werden (Herzfrequenz, Blutsauerstoffgehalte, Temperatur etc.), um den Gesundheitszustand besser einschätzen und auch die Schwere einer Epidemie besser bewerten zu können. Oder denken Sie nur an die Corona-Warn-App oder andere Apps, die zeitnah Informationen über das COVID-19-Infektionsgeschehen vermittelten, und deren hinter diesen Informationen liegenden Daten man grundsätzlich auch für die Vorhersage der Infektionswellen in Deutschland hätte nutzen können.
HPI: Welcher Fortschritt lässt sich damit für Public Health erzielen?
Prof. Wieler: Der Fortschritt lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen. Wir können präziser und schneller analysieren. Wir können präziser und schneller über Risiken informieren. Und wir geben unseren Mitmenschen die Chance, präziser und früher präventiv zu handeln.
Vielen Dank für das Interview!
Am 26. und 27. März lädt das HPI zum ersten Digital Health Innovation Forum ein. Gastgeber sind Prof. Lothar Wieler und Prof. Ariel Dora Stern. Auch hier wird es um die Themen KI im Gesundheitswesen, Global Public Health und Prävention gehen.
Mehr Informationen und Tickets zum Event gibt es unter: https://hpi.de/en/hpi-digital-health-innovation-forum/