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Informatiker sitzen doch nur vor dem Computer – oder?

An einem Wochentag im März treffen wir unsere HPI-Studierenden schon sehr früh, in einer für viele von ihnen ungewohnten Umgebung. Statt auf dem Campus oder vor ihren Rechnern verbringen sie vier Tage auf sterilen Fluren, zwischen weißen Kitteln, piependen Monitoren und summenden Maschinen. Auf verschiedenen Stationen in Krankenhäusern des Vivantes Netzwerks begleiten die Studierendenteams das Krankenhauspersonal bei ihrer alltäglichen Arbeit. 

Sie sind Teil des Digital Health Spark Seminars am HPI. Ihre Aufgabe ist es, den Klinikalltag zu beobachten und mit Klinikpersonal sowie Patient:innen ins Gespräch zu kommen. Dabei sollen sie Verbesserungspotentiale aufdecken und erste Ideen entwickeln, wie mittels digitaler Lösungsideen der Klinikalltag erleichtert werden kann. 

Wir durften zwei der Studierendenteams vor Ort treffen und ihre Ideen kennenlernen.

Das Team der Klinik für Innere Medizin - Gastroenterologie, Diabetologie und Hepatologie: HPI-Masterstudentin Eva Habib, Chefarzt Prof. Dr. Ulrich Böcker, Pflegeleiterin Sylvia Ressler und HPI-Masterstudentin Sharmy Ann James (v.l.n.r.)
Das Team der Klinik für Innere Medizin - Gastroenterologie, Diabetologie und Hepatologie: HPI-Masterstudentin Eva Habib, Chefarzt Prof. Dr. Ulrich Böcker, Pflegeleiterin Sylvia Ressler und HPI-Masterstudentin Sharmy Ann James (v.l.n.r.)

Eltern kranker Kinder mehr Sicherheit geben

Eine der Seminarteilnehmerinnen ist Digital Health Masterstudentin Eva Habib, die zuvor Medizin studierte. Auf der Neugeborenen-Intensivstation erlebt sie Momente, die ihr nahe gehen: “Wir sind auf einige Szenarien gestoßen, in denen die Eltern emotionale Unterstützung benötigten. Das Baby wurde in den Operationssaal gebracht und der Vater wusste nicht, was er tun sollte, ob er bei der Mutter bleiben oder sich nur um das Baby kümmern sollte. Er war sehr emotional.”

HPI-Masterstudentin Eva Habib lächelt freundlich in die Kamera
HPI-Masterstudentin Eva Habib will Eltern von Neugeborenen auf der Intensivstation mithilfe einer App emotionale Unterstützung bieten.

Es ist diese Situation, die sie und ihr Teammitglied Sharmy Ann James inspirierte. “NeoGuide” ist ihre Idee für eine App, die Eltern gebündelt regelmäßige Updates über den Zustand ihres Kindes geben und auch hilfreiches Lehrmaterial zur Verfügung stellen soll. Neben mehrsprachigem Support und KI-gestützten Chatbots sollen Eltern auch nach der Entlassung mit Informationsmaterial etwa zu Sozialleistungen unterstützt werden. Damit könnten sie Eltern, die ihre Kinder auf der Intensivstation begleiten, einen Weg geben, sich stärker in die Versorgung ihres Kindes involviert zu fühlen. Das gibt Sicherheit. Gleichzeitig soll damit auch das Klinikpersonal entlastet werden. 

Für Eva war es genau dieser Einblick in die Praxis, der sie dazu motivierte, bei dem Spark-Projekt mitzumachen. 

Das war eigentlich mein Hauptinteresse, als ich dem Digital-Health-Programm am HPI beigetreten bin. Ich sehe mich selbst auf der Brücke zwischen der Welt der Gesundheit und der Digitalisierung.

  • Die beiden HPI-Masterstudentinnen Eva Habib (links) und Sharmy Ann James lächeln freundlich in die Kamera. Sie befinden sich in einem Raum des Vivantes-Klinikums, tragen blaue Kittel und halten Klemmbretter in ihren Händen.
    Studierende vom HPI, Hasso-Plattner-Institut, bei der Projektarbeit am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, 12.03.25, "Digital Health Spark – Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare", Foto: Nicole Krüger
  • Die HPI-Masterstudentin Sharmy Ann James im Vivantes Klinikum. Sie lächelt freundlich in die Kamera, trägt einen blauen Kittel und hält ein Klemmbrett und einen Stift in ihren Händen.
    Studierende vom HPI, Hasso-Plattner-Institut, bei der Projektarbeit am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, 12.03.25, "Digital Health Spark – Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare", Foto: Nicole Krüger
  • Die beiden HPI-Masterstudentinnen Eva Habib und Sharmy Ann James blicken interessiert auf ein medizinisches Gerät. Sie tragen blaue Kittel und halten Klemmbretter in ihren Händen.
    Studierende vom HPI, Hasso-Plattner-Institut, bei der Projektarbeit am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, 12.03.25, "Digital Health Spark – Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare", Foto: Nicole Krüger

Eine wichtiger Impuls für die Zukunft

Diese Brückenbildung zwischen Gesundheitsbereich und digitaler Welt wird auch für das Klinikpersonal immer mehr zum Thema. Pflegeleiterin Sylvia Ressler betreut Evas Team auf ihrer zweiten Station, der Endoskopie, und beantwortet die vielen Fragen der HPI-Studierenden.

Während sie beobachtet, dass für viele der derzeitigen und gerade älteren Patient:innen der Wunsch nach digitalen Lösungen noch gering ist, empfindet sie das Spark-Projekt dennoch als zukunftsweisend: “Die nächste Generation, welche dann hier sein wird in zehn bis zwanzig Jahren, hat ein ganz anderes Augenmerk auf ihre Gesundheit, auf ihren Körper und jede Einzelheit, als das heute noch der Fall ist. Die Patienten heute vertrauen dem (digitalen) Ganzen auch nicht. Aber ich denke, die neue Generation lebt ja heute schon damit. Sie wachen morgens damit auf, sie gehen abends damit schlafen. Und auch wenn sie im Krankenhaus sind, wird das weiterhin eine Rolle spielen. Ich glaube, das wird noch mal ein ganz anderes Erleben, Erfahren und Voranbringen der Digitalisierung auch im Krankenhaus.”

Pflegeleiterin Sylvia Ressler erklärt den beiden HPI-Masterstudentinnen Eva Habib und Sharmy Ann James die Funktionsweise eines medizinischen Geräts auf der Endoskopie-Station.
Pflegeleiterin Sylvia Ressler betreut das Team der HPI-Masterstudentinnen Eva Habib und Sharmy Ann James in der Endoskopie.

Auch Prof. Dr. Ulrich Böcker, Chefarzt der Klinik Innere Medizin, betont den Mehrwert der Kooperation. Wie viele Mitglieder des Klinikpersonals schätzt er besonders den frischen Blick, den die Studierenden mitbringen. Die interdisziplinären Studierendenteams kommen aus verschiedenen Feldern des Gesundheits- und IT-Bereichs und brachten ein variierendes Maß an Vorerfahrungen im Klinikumfeld mit. 

Es ist spannend: Sobald jemand von außen kommt, der gar nicht direkt im Bereich arbeitet, entstehen oft ganz neue Perspektiven. Wir selbst sind so im Betrieb verankert, dass wir manches gar nicht mehr wahrnehmen. Und dann reicht manchmal ein einziger Satz wie: ‘Habt ihr da eigentlich schon mal hingeschaut?’ – und plötzlich sieht man etwas ganz anders.

Klinikleiter Prof. Dr. Ulrich Böcker im Gespräch mit einer Patientin
Prof. Dr. Ulrich Böcker leitet die Klinik für Innere Medizin - Gastroenterologie, Diabetologie und Hepatologie am Vivantes Klinikum Neukölln.

Delir: Ein Syndrom, das mehr Aufmerksamkeit verdient

Insgesamt sind 22 HPI-Studierende dank des Spark-Seminars im Klinik-Alltag unterwegs und tüfteln an digitalen Lösungen. Die Ideen, die dabei entstehen, sind vielseitig.

Das Team von Pierre Burghardt, SaadBin Khalid und Sophia Seidel etwa treffen wir auf der Geriatrie-Station im Ida-Wolff-Krankenhaus. Hier sahen sie sich mit einem Thema konfrontiert, von dem sie bisher noch nie etwas gehört hatten. “Delir” beschreibt einen Zustand akuter Verwirrtheit, der im Zusammenhang mit starken Erkrankungen vor allem bei älteren Patient:innen auftreten kann. Die Aufmerksamkeits- und Kognitionsfähigkeiten können hier gestört werden und Patient:innen dabei auch verunsichern oder verängstigen.

Um Delir und auch Einsamkeit und Stress vorzubeugen, entwickelte das Team die Idee zu “Sparkles”. "Das ist ein interaktives, sprachgesteuertes Tool, das Patienten täglich zu körperlichen und kognitiven Aktivitäten motiviert und ihre Fortschritte sichtbar macht. Das Ziel ist eine verbesserte Genesung und verkürzte Krankenhausaufenthalte durch aktive Patientenbeteiligung“, erklärt Digital Health Masterstudent Pierre.

  • HPI-Masterstudent Pierre Burghardt im Gespräch
    HPI-Masterstudent Pierre
  • Die beiden HPI-Masterstudierenden Pierre und SaadBin stehen mit einer Pflegerin an einem Tisch und blicken auf einen Computerbildschirm.
    Studierende vom HPI, Hasso-Plattner-Institut, bei der Projektarbeit am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, 12.03.25, "Digital Health Spark – Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare", Foto: Nicole Krüger
  • Die beiden HPI-Masterstudierenden SaadBin und Pierre stehen vor einem Bildschirm. SaadBin tippt mit seinem Zeigefinger auf den Bildschirm.
    Studierende vom HPI, Hasso-Plattner-Institut, bei der Projektarbeit am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, 12.03.25, "Digital Health Spark – Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare", Foto: Nicole Krüger
  • HPI-Masterstudent SaadBin sitzt lächelnd an einem Konferenztisch.
    Studierende vom HPI, Hasso-Plattner-Institut, bei der Projektarbeit am Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln, 12.03.25, "Digital Health Spark – Igniting Need-Driven Innovation in Healthcare", Foto: Nicole Krüger

Auch hier geht es darum, das vielbeschäftigte Klinikpersonal zu entlasten und Patient:innen ein stärkeres Gefühl der Sicherheit zu geben. “Das Tool könnte dementsprechend durch die Interaktion mit dem Patienten auch Risiken identifizieren, die vielleicht zum Delirium führen. So könnte man schon bei der Teambesprechung morgens sagen: Patient XY hat jetzt die letzten Tage besonders wenig geredet und besonders oft Gespräche geführt, denen die KI zum Beispiel nicht wirklich folgen konnte. Oder besonders oft Schmerzen erwähnt, die sich nicht bessern”, wagt Pierre einen Blick in die Zukunft ihrer Idee. 

Prof. Dr. Hans-Peter Thomas, Chefarzt der Geriatrie, sieht die Kooperation mit dem HPI und das Spark Seminar als große Bereicherung:

Diese enge Kooperation im Krankenhaus gibt es noch nicht in der Form. Natürlich gibt es Kooperationen bei der Entwicklung von Software, aber ich glaube, dass wir viel Gutes bewirken, wenn wir die Vernetzung mit Firmen und Hochschulen intensivieren, und Forschungsfragen von der praktischen Seite aus beleuchten. Denn was wir in Deutschland wirklich brauchen, ist Versorgungsforschung und da kann IT eine zentrale Rolle übernehmen.

Das Team des Ida-Wolf-Krankenhauses: Oberarzt Benjamin Storek, Pflegeexpertin Marie-Theres Bäumker, Pflegeexpertin Melina Jolie Reichardt, HPI-Masterstudent Pierre Burghardt, Projektmanagerin Catharina Mixa, Chefarzt Prof. Dr. Hans-Peter Thomas und HPI-Masterstudent SaadBin Khalid (v.l.n.r.)
Das Team des Ida-Wolf-Krankenhauses: Oberarzt Benjamin Storek, Pflegeexpertin Marie-Theres Bäumker, Pflegeexpertin Melina Jolie Reichardt, HPI-Masterstudent Pierre Burghardt, Projektmanagerin Catharina Mixa, Chefarzt Prof. Dr. Hans-Peter Thomas und HPI-Masterstudent SaadBin Khalid (v.l.n.r.)

Von der Idee zur Gründung

Das Digital Health Spark Seminar soll den Studierenden nicht nur einen direkten Einblick in die Praxis geben, sondern sie auch motivieren und befähigen, ihre Ideen mittels Gründung in die Tat umzusetzen. Damit dieser Spagat zwischen ursprünglicher Idee, technischer Umsetzbarkeit und Nutzen für die Patient:innen gelingt, bedarf es interdisziplinärer “Schnittstellenarbeit”, so der Mediziner Dr. Philipp Stoffers, Strategic Program Manager für Health Innovation am HPI und einer der Projektinitiator:innen.

Deshalb werden die Praxistage durch reichlich Input zum Stanford Biodesign und Design Thinking Methoden, Hintergrundwissen zur Gesundheitslandschaft und Businessmodellen ergänzt. Um diesen interdisziplinären Ansatz umzusetzen, setzt sich das Teaching-Team des Kurses neben dem Lehrstuhl für Digital Health Economics and Policy auch aus der HPI d-School und der HPI Engine zusammen.

Praxisnahe Lehre am HPI

Auf die Verbindung von Forschung und Praxis wird am HPI besonders Wert gelegt. Die Studierenden sollen dazu befähigt werden, Lösungen zu schaffen, die nah am Menschen sind und echten Mehrwert bieten. Diesen Ansatz bewerten unsere Studierenden im CHE-Hochschulranking regelmäßig mit Top-Bewertungen.
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Die beiden HPI-Masterstudierenden SaadBin Khalid (li.) und Pierre Burghardt lächeln freundlich in die Kamera. SaadBin trägt ein T-Shirt mit einem HPI-Schriftzug. Pierre hält einen Laptop in den Händen.
Die HPI-Masterstudierenden SaadBin Khalid (li.) und Pierre Burghardt wollen ihre Idee im Rahmen des "Product Builder"-Programms der HPI Engine weiterentwickeln.

Beide Teams können sich gut vorstellen, an ihrer Idee weiterzuarbeiten und sogar zu gründen. “Das war schon lange eine Idee von mir, aber dieses Seminar hat einige praktische Rahmenbedingungen dafür definiert, wie z. B. die Ermittlung potenzieller nächster Schritte, wichtiger Kontakte und die Erkundung von Möglichkeiten wie dem ”Product Builder"-Programm. Es hat mir geholfen, eine klarere Vorstellung vom weiteren Weg zu bekommen“, sagt Eva über das Seminar.

“Das Seminar hat uns stark ermutigt, indem es praxisnahe Einblicke in reale Herausforderungen und Prozesse im Krankenhaus bot. Es vermittelte uns grundlegende und wichtige Konzepte der Problemidentifikation, Beobachtung und Validierung und hat uns mit konkreten Schritten und Wissen ausgestattet, um ein Startup zu planen”, findet auch Pierre. Sein Team möchte die Idee im nächsten Schritt im "Product Builder"-Programm der HPI Engine ausarbeiten.

Mit Geriatrie-Oberarzt Benjamin Storek hat Pierres Team dabei einen Verbündeten gefunden, der die digitalen Ideen der Studierenden mit Begeisterung begrüßt: 

Ich denke der Weg, den auch Vivantes seit ein paar Jahren einschlägt, da sehe ich einen Fortschritt drin. Und wenn wir jetzt euch als Studenten noch dabeihaben, um Input zu bekommen, vielleicht entsteht daraus ein Startup, das wäre doch super. Ich denke das war so ein Highlight dieses Jahres mit eurem Institut. Mit Sicherheit.

Über das Digital Health Spark Seminar

Der Digital Health Spark Kurs wird vom Lehrstuhl für Digital Health, Economics and Policy von Prof. Ariel D. Stern in Kooperation mit den Vivantes Kliniken angeboten und vermittelt neben Erfahrungen aus dem Klinikalltag auch Konzepte des Stanford Biodesign, Design Thinking und Grundlagen des Gesundheitssystems. Dieser neuartige Lehransatz soll die Studierenden befähigen, menschennahe Lösungen mit echtem Mehrwert zu schaffen und wurde daher kürzlich als innovatives Lehrprojekt der Universität Potsdam ausgezeichnet.

Initiiert wurde das Seminar von Dr. Philipp Stoffers und dem Core Teaching Team um Linea Schmidt und Constanze Cavalier sowie Jens Klaubert und Gino Liguori vom Gesundheitskonzern Vivantes. 

Letzte Änderung: 11.06.2026, Patrick Lenz