Würden wir gesündere Entscheidungen treffen, wenn wir uns mit unserem zukünftigen Ich über gesundheitliche Ziele unterhalten könnten? Dieser Frage geht ein Projekt von Forschenden des HPI und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) nach. Das Projekt ist Teil der Forschungskooperation zwischen dem HPI und der MIT Morningside Academy for Design zum Thema "Designing for Sustainability“.
Das Team erweitert aktuell eine bereits zuvor am MIT entwickelte KI-Anwendung, welche die Teilnehmenden mithilfe von Large Language Models mit einer zukünftigen Version ihrer selbst chatten lässt. Wie das konkret funktioniert? Das Programm wird mit Daten zu Verhaltensmustern und Gesundheitszielen der Proband:innen gefüttert, während ein digital erstelltes Bild den Nutzer:innen ihr hypothetisches 60-jähriges Ich vorlegt.
Oft fällt es uns Menschen schwer, bei Entscheidungen die langfristigen Folgen zu priorisieren. Vor allem dann, wenn die kurzfristigen Auswirkungen allzu verlockend sind. Deshalb soll diese Anwendung nun dabei helfen, den eigenen Blick für Langzeitkonsequenzen zu schärfen, indem sie persönlicher und damit auch konkreter gemacht werden.
Das Team besteht aus den Doktorand:innen Jan Enkmann (HPI), Vincent Beerman (HPI), Theresa Weinstein (HPI) und Cathy Mengying Fang (MIT) unter der Leitung von Prof. Falk Uebernickel (HPI) und Prof. Pattie Maes (MIT).
Zum jetzigen Stand handelt es sich dabei um ein reines Textchat-Modell. Das Team kann sich für die Zukunft aber auch die Implementierung von Audio- und VR-Komponenten vorstellen, um das zukünftige Ich noch ‚greifbarer‘ zu machen.
Wir haben mit Jan Enkmann und Cathy Fang über ihr Projekt und die internationale Zusammenarbeit gesprochen – über einen Ozean hinweg.
Hasso-Plattner-Institut: Stellt euch vor, ihr erklärt einem völlig fachfremden Menschen Euer Projekt – wie würdet ihr Euer Vorhaben zusammenfassen?
Jan Enkmann: In unserem Projekt testen wir, ob eine KI-basierte Anwendung dabei unterstützen kann, gesündere Entscheidungen zu treffen. Die Anwendung basiert auf dem Tool „Future You“, welches das MIT zusammen mit der University of California und der Thailändischen Kasikorn Bank entwickelt hat und das es Nutzenden ermöglicht, mit einer hypothetischen zukünftigen Version ihrer selbst zu kommunizieren. Wir möchten testen, ob so eine lebhafte Interaktion mit der eigenen Zukunft Menschen dabei helfen kann, ihr zukünftiges Wohlbefinden bei Entscheidungen im Alltag stärker zu berücksichtigen. Dazu entwickeln wir das Tool entsprechend weiter mit dem Ziel, impulsive Entscheidungen zu reduzieren und langfristig gesündere Entscheidungen zu fördern, insbesondere im Bereich der Ernährung.
HPI: Das Projekt baut auf der Methode des episodic future thinking (EFT) auf. Was bedeutet das?
Jan: Episodic Future Thinking (EFT) beschreibt grundlegend erstmal die Fähigkeit eines Menschen, sich episodische, das heißt auf sich selbst bezogene, zukünftige Ereignisse lebhaft vorzustellen und diese mental zu simulieren. Das ist eine ganz zentrale Fähigkeit, da wir hierdurch komplexe Handlungsabläufe simulieren, planen und ausführen können. Bei Entscheidungen, wie z.B. bei der Wahl des Mittagessens, bedeutet das auch, dass wir potenzielle zukünftige Konsequenzen unserer Entscheidungen abschätzen können. Manchmal tun wir das detaillierter, manchmal nur sehr grob. Durch gezielte Interventionen können wir diese mentalen Simulationen aber etwas anregen, was dann dabei hilft, den Fokus von kurzfristigen Belohnungsreizen auf langfristige Ziele zu verlagern. EFT hat sich als wirksame Methode erwiesen, impulsives Verhalten zu reduzieren und langzeit-orientierte Entscheidungen zu fördern.
HPI: Wieso fällt es uns oft so schwer, uns gesund zu ernähren?
Jan: Das ist natürlich ein vielschichtiges Problem. Ein Teil des Problems könnte ein Phänomen sein, das wir “Temporale Diskontierung” oder “Delay Discounting” nennen. Nehmen wir mal die Entscheidung zwischen einem Burger und einem Salat mittags in der Kantine. Auf der einen Seite weiß ich, dass mir der Burger gleich deutlich besser schmecken wird als der Salat, gleichzeitig weiß ich aber auch, dass der Burger langfristig eher ungesund ist und der Salat diesbezüglich vermutlich die bessere Option wäre. Es steht also der Burger, der beim unmittelbaren Geschmackserlebnis klar gewinnt, gegen den Salat, der die künftigen Gesundheitsfolgen auf seiner Seite hat. Aber letztere sind eben genau das: irgendwann in der Zukunft. Und je weiter weg uns die Konsequenzen einer bestimmten Entscheidungsoption erscheinen, desto weniger Gewicht bekommen sie in unserer Entscheidung im Hier und Jetzt.
HPI: Wie kann man sich die KI-Anwendung vorstellen?
Jan: Die KI-Anwendung erstellt eine digitale Version des zukünftigen Ichs des Teilnehmenden, basierend auf persönlichen Angaben und einem hochgeladenen Bild. In einer ersten Version können die Nutzenden über einen Chat mit dieser hypothetischen Zukunftsversion interagieren und z.B. Gespräche über ihre Gesundheitsziele führen. Diese immersive Erfahrung soll es den Nutzenden ermöglichen, eine stärkere emotionale Verbindung zu ihrem zukünftigen Selbst aufzubauen und so motiviert zu werden, bei Entscheidungen im Hier und Jetzt die Zukunft stärker zu berücksichtigen. In früheren Studien zu Episodic Future Thinking Interventionen hat sich gezeigt, dass der Effekt auf zukunftsorientierte Entscheidungen größer ist, je detaillierter und immersiver die Simulationen der Zukunft sind. Perspektivisch soll die Interaktion mit dem zukünftigen Selbst also möglichst multisensoriell erfolgen, z.B. durch eine audio- und video-basierte Interaktion oder auch in virtueller Realität. Ganz so weit sind wir aktuell aber noch nicht.
HPI: Welche konkreten Anwendungsgebiete könnte es geben?
Jan: Neben der Anwendung durch Privatpersonen könnte das Tool auch in klinischen Kontexten zur Unterstützung bei Gewichtsmanagement-Programmen eingesetzt werden. Weitere Anwendungsgebiete könnten Gesundheitscoaching, betriebliches Gesundheitsmanagement oder Präventionsprogramme sein. Auch Schulen oder Universitäten könnten das Tool nutzen, um junge Menschen frühzeitig für langfristig gesundheitsbewusstes Verhalten zu sensibilisieren. Der Vorteil gegenüber herkömmlichen, z.B. rein wissensbasierten Ernährungsprogrammen ist, dass die Anwendung deutlich spielerischer und damit auch interessanter ist.
HPI: Mit was für Daten wird die KI trainiert?
Jan: Die KI wird mit einer Kombination aus allgemeinen Sprachmodellen (Large Language Models) trainiert, die durch spezifische Daten zur Ernährung, Verhaltenspsychologie und Selbstkontrolle ergänzt werden. Außerdem nutzt sie individuelle Nutzerdaten wie persönliche Gesundheitsziele und vergangene Verhaltensmuster, um maßgeschneiderte Empfehlungen zu geben. Visuelle Daten wie ein Bild der Nutzenden werden verwendet, um eine hypothetische zukünftige Version der jeweiligen Person zu erstellen.
HPI: Essgewohnheiten und ein gesundes Körpergefühl sind für viele Menschen ein sensibles Thema. Welche Hürden sind oder werden auf euch zukommen?
Jan: Wir müssen sehr sensibel mit den emotionalen Aspekten von Essgewohnheiten umgehen, da viele Menschen negative Erfahrungen mit Diäten oder Körperbildproblemen haben. Eine Herausforderung wird sein, sicherzustellen, dass unsere Anwendung keine Schuldgefühle auslöst oder unrealistische Erwartungen weckt. Wir bereiten uns darauf vor, durch umfassende Usability-Tests sicherzustellen, dass die Kommunikation der KI respektvoll und unterstützend ist. Zudem folgen wir klaren Datenschutzrichtlinien für den Umgang mit sensiblen persönlichen Daten.
HPI: Beste Reaktion bisher auf Eure Idee?
Jan: Eine der besten Reaktionen kam von einem Interviewpartner: „Es war als würde ich mit meinem zukünftigen Ich sprechen – das hat mir wirklich geholfen zu verstehen, wie wichtig meine Entscheidungen heute sind.“ Dieser Moment zeigte uns, dass das Konzept nicht nur theoretisch funktioniert, sondern auch emotional bei den Teilnehmenden ankommt und sie zum Nachdenken über ihre langfristige Gesundheit anregt.
HPI: Wie arbeitet man gemeinsam an einer Sache, wenn ein Ozean dazwischen liegt? Was für Fähigkeiten benötigt man?
Jan: Aktuell treffen wir uns alle zwei Wochen online und sind darüber hinaus eigentlich durchgehend schriftlich in Kontakt über unterschiedliche Kommunikationskanäle. Aber die Distanz stellt einen schon vor gewisse Herausforderungen und trotz all der Meeting- und Kollaborationstools sind Präsenztreffen kaum zu ersetzen. Ich denke, das Wichtigste ist eine klar und offen kommunizierte gemeinsame Vision, ein klarer Zeitplan mit Deadlines und eindeutigen Verantwortungsbereichen und immer wieder die Aussicht, sich bald wieder persönlich zu treffen, was durch die regelmäßigen Workshops ja glücklicherweise auch möglich ist.
Cathy Mengying Fang: Clear and frequent communication is key for collaborations in general, but especially when there is a timezone difference. We have a WhatsApp group chat for quick check-ins, in addition to our bi-weekly meetings. Though, also because of the timezone differences, the upside is that we can pass the baton between each other, for example, where we take turns to improve the work and give each other feedback on the paper drafts.
HPI: Warum ist das ein Projekt, an dem auch international gearbeitet werden muss?
Cathy: The issue of health and wellbeing that we are tackling is internationally relevant. It makes sense to have perspectives of different cultures and also bring attention from the global audience to this problem.
HPI: Was zeigt sich schon: Wie profitiert ihr von der internationalen Zusammenarbeit?
Jan: Wir profitieren vor allem von den unterschiedlichen Fähigkeitsprofilen unserer beiden Forschungsgruppen. Das MIT Media Lab hat große Expertise rund um die Entwicklung von KI-Systemen zur Unterstützung von Gesundheit und Selbstverwirklichung. Wir von der HPI-Seite ergänzen das durch eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive und Erfahrung in der Planung und Durchführung von Labor- und Feldstudien.
Cathy: We benefit from the mix of research rigor and creativity from both institutions. We also learn from each other's domain expertise and perspectives.
HPI: Lernt ihr euch auch persönlich kennen?
Jan: Auf jeden Fall lernen wir uns während und abseits unserer Forschung auch persönlich kennen. Bei ihrem ersten Besuch in Potsdam vor einem Jahr haben wir gemeinsam mit Cathy den Park Sanssouci erkundet. Bei unserem Besuch in Boston kurz darauf haben wir ebenfalls viel neben der Arbeit unternommen, von einem Besuch in der Kreidezeit mit der Apple Vision Pro bis hin zur Suche nach dem besten Bostoner Thai Food mit Hilfe von ChatGPT. Auch an diversen Veranstaltungen und Parties des MIT haben wir zusammen teilgenommen.
Cathy: I visited Jan and Vincent at Potsdam last winter to get to know them better, and I looked forward to visiting them again this fall :) I also started learning German (100+ days on Duolingo) and want to learn some local idioms.
HPI: Wer viel miteinander arbeitet, übernimmt ja manchmal gewisse Gewohnheiten oder Redewendungen. Was habt ihr euch bereits voneinander abgeschaut?
Jan: Am MIT besteht eine sehr große Begeisterungsfähigkeit für neue Ansätze und Ideen, was ungemein dabei hilft, innovativ zu sein. Diese Begeisterung für neue Perspektiven ist sehr ansteckend.
Viel Erfolg mit eurem Projekt und vielen Dank für das Interview!
Mehr Informationen zur Forschungskooperation und Einblick in weitere Projekte gibt es hier: https://hpi.de/forschung/akademische-partnerschaften/mit-morningside-academy-for-design/
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Letzte Änderung: 11.06.2026, Patrick Lenz