Use Case

Innovative Lösungen für ein Abwasserproblem in Ghana mit Design Thinking

Einführung

Die Zeit als Feind oder als treibende Kraft bei Innovationen für mehr Nachhaltigkeit?

Das interkulturelle Projekt in Ghana integrierte Design Thinking in das Forschungs­design der Studie. Tägliche Check-ins stärkten Empathie und Team­zusammenhalt und förderten die Ein­bindung aller, schuf Vertrauen und inter­kulturelle Brücken. Der Fokus lag auf den Bedürf­nissen der Ziel­gruppen, insbe­sondere Frauen. Mithilfe von Proto­typing entstanden in kürzester Zeit umsetz­bare Lösungen zur Verbes­serung sanitärer Einrichtungen.

Challenge

Bei allen Arten von inter­kulturellen Pro­jekten stellt sich immer eine Frage: Ver­stehen wir die Kultur und die Bedürf­nisse der Men­schen, um die es geht wirklich?

Diese Frage wird umso wichtiger, wenn es um ein sen­sibles Thema geht. Dies war der Fall bei dem Projekt der Social Innovation Agency Archipel­&­Co und seinem Projekt­partner Purpose House. Ziel der Forschungs­arbeit war es, die Einführung innovativer Sanitär­ein­richtungen zu unter­stützen, um die Zahl der offenen Toiletten zu ver­ringern und Ziel 6 der UN-Ziele für nach­haltige Ent­wicklung zu er­reichen: Sanitäre Ein­richtungen.

Ausgangspunkt

Um die Bedürfnisse, Wünsche und Ent­schei­dungs­prozes­se der Ziel­gruppe in Ghana wirklich zu verstehen, plan­ten Justin De­Koszmovszky (Managing Partner von Archipel&Co), Laura Arribas (Senior Consultant bei Archipel&Co) und Vittorio Cerulli (Gründer von Purpose House) eine Feld­forschung in Ghana.

Das Projekt war mit verschie­denen Heraus­for­derungen verbunden. Das Team musste nicht nur den inter­kultu­rellen Kontext berück­sichtigen, auch das Thema selbst war sehr heikel. Vor allem hatten Vittorio Cerulli und sein Team nur neun Tage Zeit, um ein quali­tatives Ver­ständ­nis des Prob­lems zu erlangen und eine klare Orien­tierung für die Lösung des Problems zu geben. Nor­mal­er­weise dauern ethno­grafische Feld­for­schungs­reisen dieser Art bis zu zwei Monate. Wie konnte das Team diese Forschung in nur neun Tagen umsetzen?

Während ihres Design Thinking-Studiums an der HPI d-school begann die Zu­sam­men­arbeit zwischen Martina Zelt und Purpose House im Impact Hub in Berlin. Als Martina zum ersten Mal über Design Thinking sprach, war Vittorio, der über zehn Jahre Erfahrung in For­schung und Innovation verfügt, sofort von dem Konzept fasziniert: „Was mein Interesse von Anfang an geweckt hat, war, dass Design Thinking ergebnis­orientiert ist, es schien sehr prag­matisch zu sein und es tut etwas, was ich gerne mache: Es stellt den Men­schen in den Mittel­punkt.“

Als Vittorio hörte, dass es möglich ist, innerhalb kürzester Zeit wert­volle Ergeb­nisse zu erzielen, war er sofort Feuer und Flamme, Design Thinking in den qualitativen Ansatz einzu­binden und sich dieser sanitären Heraus­forderung zu stellen.

Das Projekt mit dem qua­litativen Ansatz erhält die wert­volle Unter­stützung von Archipel&Co, einem Team mit jahr­zehn­telanger Erfah­rung, das Kund:innen dabei hilft, die ein­kom­mens­schwäch­eren Schichten in Schwel­len­ländern zu verstehen und nachhaltig zu wirt­schaften. Das Ziel von Justin und Laura, die die gesamte Studie konzi­pierten, war es, qualitative und quantitative Erkenntnis­se für eine skalierte Ein­führung der Sanitär­innovation zu gewinnen.

Aha-Momente

Im Rahmen der Feld­phase erstel­lten Martina und Vittorio einen detail­lierten Plan für die verfüg­baren neun Tage. „Ich musste sicher­stellen, dass alle Betei­ligten und ins­beson­dere Vittorio, der den Design Thinking-Prozess vor Ort leitete, das 'Warum' hinter jedem der Design Thinking-Schritte wirklich ver­standen haben. Denn nur so kann man un­erwar­teten Ver­änderungen in der Praxis begegnen“, sagte Martina, die selbst nicht an der Feld­arbeit teilnehmen konnte.

Vor Ort: Innovieren und Mitgestalten in Ghana
„Dieses Projekt war etwas Besonderes“, erinnert sich Laura Arribas von Archipel&Co. „Von Anfang an war klar, dass jeder im Team gleicher­maßen invol­viert war, und die Auf­regung war spür­bar.“

Das Kern­team war inter­national und multi­diszi­plinär zusam­men­gesetzt - die perfekte Vor­aus­setzung für Design Thinking: Laura (ursprüng­lich aus Spanien) und Justin (ursprüng­lich aus den Vereinigten Staaten), Vittorio (ursprünglich aus Italien), die ghanaische For­schungs­gruppe El-Parah mit Reuben (Projektleiter), Henry (Anwerber) und Jumima (Übersetzerin), Richard und Rachel von der ghanaischen NGO „Total Family Health Organization“.

Teamdynamik auf den Kopf gestellt
Was die Team­arbeit auf den ersten Blick ver­änderte, war das „Check-in“ mit dem Team zu Beginn eines Tages und das „Check-out“ am Ende – zwei Schritte, die im Design Thinking-Prozess eine wichtige Stellung einnehmen. „Beide Schritte machten einen enormen Unter­schied für die For­schung und ins­beson­dere für die Team­dynamik“, sagt Vittorio. Der Check-in war besonders wichtig für die menschl­iche Ver­bindung im Team, während der Check-out hilf­reich für unsere Ref­lexion und Synthese war.

Bei typischen Feld­forschungs­reisen hatte Vittorio die Rolle des Forschers, der das Projekt leitete und seine Inter­preta­tionen in der Regel erst bei der Nach­besprech­ung mit dem Team teilte. „Es ist, als ob der Forscher auf fast magische Weise Er­kennt­nisse aus zufäl­ligen Gesprächen gewinnt – und selten konnten wir sehen, wie das geschieht. Diesmal jedoch haben wir es gemein­sam getan. Ich habe alle einbezogen, denn ich brauchte ihre Ein­sichten und ihr Engage­ment für den gesamten Design Thinking-Prozess. Im Ergebnis war das Team viel engagierter; es war auch ihr Projekt.“

Brücken bauen – interkulturelle Zusammenarbeit vom Feinsten
Jumima, die ursprüng­lich nur als Über­setzerin vorgesehen war, hat sich während des Projekts völlig verändert. „Als sie merkte, dass wir ihre Meinung (und nicht nur ihre Über­setzung) zu schätzen wussten und dass wir sie als Teil des Teams haben wollten, hat sie sich wirklich geöffnet“, sagt Vittorio. Auf diese Weise hat sie viel mehr getan, als nur die Sprache zu übersetzen, und sie konnte die inter­kultu­relle Brücke auf eine viel einfühl­samere Weise schlagen. „Man konnte sehen, wie ihr Selbst­ver­trauen von Tag zu Tag wuchs. Ohne die Eigen­verant­wortung, die sie übernom­men hat, wäre das ganze Team nie so erfolg­reich gewesen“, sagt Vittorio.

Die Interviews: Wie spricht man über eine sanitäre Situation?
Um die Situation in Bezug auf die Gesund­heits­versor­gung und das Problem der offenen Defäkation zu verstehen, musste das Team mit vielen versch­iedenen Personen und Inte­ressen­gruppen sprechen. Der Schwer­punkt lag dabei auf den verschie­denen Ziel­gruppen. Sowohl Frauen als auch Männer waren von großem Interesse, wobei der Schwer­punkt auf ihrer Rolle inner­halb der Familie, ihren Zukunfts­träumen, ihren Ängsten, aber auch ihren Bedürf­nissen in Bezug auf sanitäre Einrich­tungen und ihrer Ent­schei­dungs­gewalt innerhalb der Familie lag.

Darüber hinaus waren die Haus­besitzer eine interes­sante Ziel­gruppe. Da Ghana ein zutiefst religiöses Land ist, in dem eine kollektive Kultur gelebt wird, wollte das Team auch mit reli­giösen Führer:innen, Ältesten und Häupt­lingen der Dörfer sprechen, um das Thema besser zu verstehen.

Empathie: Die Leitlinie jeder qualitativen Forschung, und für dieses Projekt im Besonderen
In den ersten beiden Phasen des Design Thinking-Prozesses „Ver­stehen“ und „Beobachten“ ist immer ein hohes Maß an Empathie erforderlich. In diesem Projekt war das Ein­fühlungs­ver­mögen besonders wichtig, da es sich um ein sehr sen­sibles Thema handelt. „Es gab auch einige Momente der Span­nung. Wir haben darauf geachtet, Empathie aufzu­bauen und haben unsere Fragen oft damit begrün­det, dass wir keine Ghanaer sind und das Thema nicht gut genug verstehen. Wir haben auch Analogien zwischen Dingen gefunden, die in unserem und in ihrem Leben passieren“, sagte Vittorio.

Remote-Coaching in seiner besten Form
Während des Projekts geschah etwas, das Vittorio später als „die zweite Welle des Ver­trauens“ bezeich­nete. Die erste Welle des Ver­trauens in Design Thinking entstand, als Martina die Methode und die Denk­weise vorstellte. Dann, in der Mitte des Projekts, meldete er sich bei Martina und schickte ihr die Zwi­schen­berichte und einen Teil der Synthese.

„Als ich ihre Kom­mentare zu meiner Arbeit erhielt, erlebte ich die zweite Welle des Ver­trauens. Ich verstand, dass einige der Schritte innerhalb der Methode genau befolgt werden mussten, und ich bemerkte den Unter­schied, den es machte, wenn man dies tat“, so Vittorio.

Die wichtigste Erkenntnis: Die Rolle der Frau bei der Bewältigung der Abwasserproblematik
Eine der wichtigsten Erkennt­nisse war die Rolle, die Frauen bei der Lösung des Prob­lems der sanitären Ver­sorgung spielen. Frauen sind die­jenigen, die am stärksten das Be­dürfnis nach einer hygienischen Sanitär­lösung ver­spüren, und sie sind am meisten betroffen, wenn dies nicht der Fall ist. Gleich­zeitig sind sie meist nicht diejenigen, die die letzte Entschei­dung treffen dürfen. Dies war immer Sache des Ehe­mannes, auch wenn die betrof­fenen Frauen über eigenes Geld verfügen. Sie haben es einfach nicht in der Hand, denn die Frage der Hygiene wird stark als Auf­gabe des Mannes an­ge­sehen.

Prototyping: „Wie konnte das in nur 20 Minuten passieren?“
„Als es um die Ideen­findung und das Proto­typing ging, war es fast so, als wäre der Moment der Wahr­heit gekommen“, erinnert sich Vittorio. Nach all den Inter­views und der Gewin­nung von Er­kennt­nissen begannen wir alle mit einer kreativen Ideen­sitzung, jeder war wirklich involviert, und wir kamen zu neuen und umsetz­baren Ideen. 

„Um ehrlich zu sein, hatte ich ein langes und lang­weiliges quali­tatives Briefing mit viel Text erwartet... statt­dessen gab es mensch­liche Geschich­ten, Bilder und Proto­typing. Es hat Spaß gemacht“, fasst Rachel den Tag zusammen.

Justin von Archipel&Co fügte hinzu: „Ich habe schon an anderen Proto­typing-Sit­zungen teil­genom­men, aber diese war besonders ein­drucks­voll. In nur wenigen Stunden haben wir drei gültige und viel­ver­sprechende Proto­typen geschaffen, die die Tage der For­schung auf sin­nvolle Weise wider­spiegeln.“ Jumima von El-Parah fügt hinzu: „Und es war nicht einmal nötig, alles immer wieder zu wieder­holen. Das Team war bereits auf der­sel­ben Seite.“

Impact

Der Design Thinking-Prozess als Feld­forschungs­methode förderte Team­zusam­menhalt und Empathie: Tägliche Check-ins stärkten die Dynamik, und die Ein­bindung aller Team­mit­glieder, in­klusive Über­setzer:innen schuf Ver­trauen und inter­kultu­relle Brücken. Durch Proto­typing wurde in kürzester Zeit kon­krete Lösungen ent­wickelt, die nach­haltige Wirkung erzeugen können.

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