Gründerin und User Research Leiterin

Bettina Michl ist Gründerin von "tiefenschärfe", leitet den User Research-Bereich von "Data4Life​​​​​​​" und ist seit 2011, nach ihrem eigenen Abschluss an der D-School, Coachin am HPI. Mit uns spricht sie über die Idee hinter "tiefenschärfe", die Motivation immer wieder mit Studierenden zusammenzuarbeiten und die Anwendung von Design Thinking-Ansätzen im Bereich digitaler Gesundheit. 

 

Bettina Michl

 

Du bist Absolventin des ersten Jahrgangs der HPI D-School. Was hat dich damals dazu motiviert am Design Thinking-Programm teilzunehmen? Hattest du bestimmte Erwartungen und haben sich diese erfüllt?

Ich war am Ende meines Zweitstudiums, arbeitete schon in der regionalen Innovationspolitik als Referentin in einem EU-Projekt und stellte mir die Frage, wie genau kommt Neues in die Welt? Wir schauten uns Patentanmeldungen an, es wurde von Kooperationen zwischen Universitäten und Unternehmen geredet, ganz neu war der Ansatz, dass Regionen auch durch geistige Offenheit und Subkultur punkten konnten (Richard Florida’s technology, talents, tolerance (The rise oft he creative class)). Und trotzdem, wie genau sollte das passieren?

Der Betreuer meiner Diplomarbeit Prof. Guido Reger hatte in seinem Kurs Innovationsmanagement IDEO als Best Practice erwähnt. Als ich mehr über sie las, war ich fasziniert, was diese Firma machte. Alles, was ich in den vielen BWL Vorlesungen theoretisch gehört hatte - interdisziplinäre Teamarbeit, vom Nutzer aus anfangen, die Ursprungsbedürfnisse bedienen statt oberflächlich inkrementale Verbesserungen zu vermarkten, Kreativität fördern, eine positive Fehlerkultur pflegen, Diversität in Teams fördern … - was in meiner Praxis jedoch sehr anders gelebt wurde, machten diese Leute richtig.

Noch interessanter war, dass Hasso Plattner die d.school in Standford, also eine Ausbildung in diesem Denken, finanziell unterstützte. Als HiWi am O&P Lehrstuhl hatte ich oft im noch jungen HPI gearbeitet und bedauerte, dass er dies in Deutschland nicht tat. Aber, verrückterweise, auf einem der letzten Treffen für meine Diplomarbeit, bemerkte ich den Aushang am schwarzen Brett! Es waren noch 2 Tage Zeit eine Bewerbung anzugeben und ich habe nicht lange gezögert. Meine Erwartungen wurden übertroffen, ich dachte, ich lerne Methoden, aber ich habe meine Sicht auf die Welt verändert.

 

Zusammen mit Robin Mehra, der ebenfalls Absolvent des ersten Jahrgangs der HPI D-School ist, hast du das Unternehmen „tiefenschärfe“ gegründet. Ihr beratet Kund:innen dazu, wie sie Design Thinking- und Innovationsmethoden in ihren Teams und Organisationen anwenden können. Wie entstand die Idee für „tiefenschärfe“ und was ist euer Ziel? Welche positiven Effekte durch die Anwendung von Design Thinking in Organisationen könnt ihr in eurer Arbeit beobachten?

Die Gründung von tiefenschärfe ist etwas komplizierter gewesen. Das ursprüngliche Team hat sich zweimal verändert. Es hatte wie in vielen Gründungsteams persönliche Differenzen über die Art der Zusammenarbeit und individuelle Prioritäten gegeben. Damals schienen alle anderen einen Plan B zu haben, nur ich war nach ersten freiberuflichen Design Thinking-Projekten wieder in Berlin und mein Team hatte sich mehr oder weniger aufgelöst. Ich begann mich bei Innovations- und Unternehmensberatungen zu bewerben. Es war jedoch die Zeit nach der Finanzkrise.

Robin und ich trafen uns am HPI bei der Vorbereitung eines großen Workshops für SAP wieder und stellten fest, dass wir ganz gut zusammenarbeiten konnten. Und das haben wir von da an gemacht. Uns hat es von Anfang an bewegt, nicht nur Organisationen zu helfen, sondern den Menschen darin in Ihrer persönlichen Entwicklung neue Wege zu eröffnen. Ziemlich schnell wurde uns klar, dass Design Thinking für die Haltung von Menschen zu Ihrer Arbeit (und die Zusammenarbeit in Teams) ein Meilenstein war. Viele wirkten, als hätten sie darauf gewartet.

Wir haben mit unterschiedlichsten Teams und in verschiedensten Branchen kurze und sehr lange Projekte begleitet, teilweise sehr tief in die Materie eintauchend, teilweise großen Gruppen einen kleinen Vorgeschmack zu geben. Dabei war unser Ziel, das jeweilige Vorgehen spezifisch auf die Organisation, die Aufgabe und die Branche anzupassen und zu vermeiden, Design Thinking Prinzipien/Methoden in eine ideologische Richtung als unverrückbare Gesetze interpretiert zu wissen. Konkret hieß das mit Demut der Organisation, den Mitarbeitern und deren bisherigen Leistungen gegenüber aufzutreten und trotzdem mutig Konventionen zu hinterfragen oder tatsächlich zu brechen. Das geht als Außenstehende natürlich leichter.

Wir sehen eine lebendigere Arbeitskultur, das Wiederfinden von Sinn durch ein Zusammentreffen mit Endkunden oder echten Nutzern, schlaue Verbesserungen und Konzepte, die über das Offensichtliche hinausgehen.

Natürlich sehen wir auch Frustration, wenn Personen und Teams mit innovativen Ideen an die Grenzen der eigenen Organisation stoßen, Reibungen aufgrund ernst genommener Interdisziplinarität und intensiver Teamarbeit, Konflikte durch den Stress neuer Methoden, enger Zeitfenster, hoher Erwartungen. Das Ganze erstmal als zeitlich begrenztes als Experiment zu betrachten, hilft den Beteiligten hier sehr. Gleichzeitig sind Managementunterstützung, das Schaffen neuer, analoger Arbeits- und Kreativräume sowie das Verändern von Prozessen und Strukturen aus meiner Beobachtung wichtige Kriterien für langfristig positive Effekte.

 

Bettina Michl

 

Seit 2011 bist du Coach an der HPI D-School. Was motiviert dich daran mit Studierenden zusammenzuarbeiten?

Design Thinking jungen Menschen zu vermitteln hat eine ganz eigene Anmut. Studierende haben meist wenig Arbeitserfahrung, aber viel Enthusiasmus und sind sehr offen, was Möglichkeiten und Ideenrichtungen betrifft. Meist bringen sie neue Trends oder Technologien mit und wir haben mehr Zeit! Also können wir verschiedenste Methoden ausprobieren.

Außerdem ist bei der Arbeit an der HPI D-School, die Zusammenarbeit, der Austausch mit den anderen Coaches und dem D-School-Team nicht wegzudenken und für mich äußerst inspirierend. Insgesamt sind das Team und die Student:innen so vielfältig, international und die Atmosphäre voller Energie, dass ich die langen Coachingtage in Postdam meist in einer Art ‘erfüllter beglückter Erschöpfung’ verlasse. Und ich hoffe, dass wir in diesen Modus - trotz vieler Vorteile von remote working - bald wieder voll eintauchen.

 

Inzwischen arbeitest du auch bei „data4life“, in dem Gesundheitsdaten genutzt werden sollen, um die Diagnose, Behandlung und Prävention von Krankheiten zu verbessern. Worin siehst du in deiner Rolle als Leiterin des Bereichs „User Research“ deine Aufgaben diesem Ziel näherzukommen? Welche Potenziale bietet der Design Thinking-Ansatz, um Innovationen im Bereich digitaler Gesundheit zu entwickeln?

Ganz simpel, ist es als User Research Team unser Ziel, zu verstehen, was unsere Nutzer von uns als Data4Life brauchen und was nicht. Im Gesundheitsbereich, derzeit fokussieren wir auf das Erleichtern medizinischer Forschung, gibt es sehr viele verschiedene Nutzergruppen! Derzeit sind das Forscher in medizinischen, psychologischen oder epidemiologischen Studien, Ärzte, medizinisches Fachpersonal, Patienten und deren Angehörige, im letzten Jahr z.B. Menschen, die sich impfen ließen, aber auch diejenigen, die sich dagegen entschieden haben.

Wir versuchen die Erwartungen, Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Motivationen der Nutzer herauszufinden, zu kartieren und sie in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Teams in konkrete Anforderungen zu übersetzen. 

Design-Thinking hat ein sehr großes Potential im Gesundheitswesen, weil es nunmal primär um die Gesundheit von Menschen geht. Außerdem arbeiten in diesem personalintensiven Bereich auch sehr viele Menschen (in Deutschland nach Schätzungen 10-12% der Erwerbstätigen/ 5,6Mio).

‘Human-centred Design’ sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Allerdings gerät dies in meiner persönlichen Erfahrung oft etwas aus dem Blickfeld, weil monetäre Zwänge und Fehlanreize, ‘Apparatemedizin’, veraltete Krankenhaus- und Pflegestrukturen, einflussreiche Interessengruppen, Intransparenz, föderale Zuständigkeiten, regionale Befindlichkeiten und lokale Pfadabhängigkeiten, nicht zuletzt aber auch ein geringer Digitalisierungsgrad vieles behindert.

Konkretes Potential für Design Thinking liegt sicher in der Entwicklung digitaler Dienstleistungen zb. in der Entwicklung von Apps zur Unterstützung bei chronischen Krankheiten oder gesundheitlichen Einschränkungen, den sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), aber auch in einer Umgestaltung von Prozessen und Räumen sowohl in der stationären also auch der ambulanten Versorgung, in bereichen sogar in der Mit-Gestaltung von medizinischen oder psychologischen Interventionen  hinzu einer wirklich patientenzentrierten Versorgung ‘beyond pills and surgeries’, um es mal plakativ auszudrücken.

Ich bin überzeugt (und Studien haben das auch gezeigt), Menschen können ihre Gesundheit mit Hilfe digitaler Technologien verbessern, z.B. indem sie ihre Symptome und mögliche Auslöser dokumentieren, Muster erkennen und Expert:innen personalisierte Therapien entwerfen können. 

Allerdings sind kann das auch überfordern, gerade in technologieintensiven Bereichen wird der menschliche Faktor oft unterschätzt oder schlichtweg vergessen. Hier kann Design Thinking helfen, Lösungen zu entwickeln, die nicht nur nützlich und wertstiftend, sondern auch benutzerfreundlich und angenehm in der Interaktion sind.

Und das gilt umso mehr für traditionelle Medizinprodukte bis hin zu Krankenhausbauten und so einigen Praxiseinrichtungen und Notaufnahmen. Das klingt nach hohen Investitionen bei an sich schon belasteten Haushalten.

Und hier, als Abschluss, denke ich können Design Thinking Methoden (interdisziplinäre Teamarbeit, Empathie, Mut und Kreativität im Besonderen) helfen, vorhandene Ressourcen effizient einzusetzen und dabei die Bedürfnisse von Patienten, Personal und Trägern zu berücksichtigen und Interessen auszugleichen.