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15.10.2020

News

Digitales Lernen als Mammutaufgabe?

Die digitale Modernisierung des deutschen Bildungssystems sieht Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) als eine „Mammutaufgabe“ an. Zur Eröffnung der Fachtagung „openHPI-Forum“ des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) räumte sie in einem Grußwort ein, die von der Coronavirus-Pandemie ausgelöste Krise habe sehr deutlich gemacht, wie wenig die neuen digitalen Möglichkeiten bisher genutzt würden und wie wenig man vorbereitet sei, wenn unser Alltag von heute auf morgen gestört werde. Das HPI veranstaltet sein openHPI-Forum, eine jährliche Konferenz, derzeit erstmals rein virtuell als Online-Event. Er dauert noch bis zum 28. Oktober und steht allen Interessierten offen.

openHPI Forum 2020
openHPI Forum 2020 – Lessons Learned about Digital Education in Times of Crisis

Angesichts des noch nie dagewesenen Digitalisierungsschubs dürfe man jetzt nicht einfach weitermachen wie vor der Krise, betonte die Ministerin für Bildung und Forschung. Im digitalen Lernen sieht sie „ein gigantisches Individualisierungs-Projekt für Bildung“. Wenn die digitalen Möglichkeiten richtig genutzt würden, könne jeder Schüler und jede Schülerin individuell gefördert werden - nach den jeweiligen Bedürfnissen, nach dem jeweiligen Kompetenzstand und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Völlig neue Formen von Teamwork sind möglich

Karliczek hob hervor, dass digitales Lernen zu „völlig neuen Formen von Teamwork im Klassenzimmer, aber natürlich auch von zuhause aus“ führe. Und auch wenn jeder sich an einem anderen Ort befinde, könne gemeinsam gearbeitet werden, sagte die Ministerin. Sie betonte die Rolle spielerisch aufbereiteten Lernstoffs. Dieser könne die Motivation der Kinder und Jugendlichen erheblich steigern und damit Interesse für Unterricht wecken, der ansonsten vielleicht als zu schwierig oder langweilig empfunden würde.

Sowohl digitales als auch haptisches Lernen seien nötig, unterstrich Karliczek auf der Fachtagung: „Es bleibt wichtig, dass Kinder auch jenseits der digitalen Welt miteinander kommunizieren, dass sie Dinge anfassen, dass sie Probleme nicht nur am Rechner lösen, dass sie Experimente durchführen, dass sie motorisch gefördert werden“. Bei der Anpassung des deutschen Bildungssystem müssten digitale Möglichkeiten optimal eingesetzt und mit denen der analogen Welt kombiniert werden.

Meinel: Corona erhöhte weltweite Nachfrage nach Online-Lernen dramatisch

Der Gastgeber der Potsdamer Tagung, HPI-Direktor Prof. Christoph Meinel, berichtete, die Coronavirus-Pandemie habe weltweit auf allen Plattformen für offene Onlinekurse die Nutzerzahlen besonders stark in die Höhe schießen lassen: „Ein internationales Vergleichsportal berichtete, dass Anbieter so genannter Massive Open Online Courses (MOOC) allein in den 30 Tagen zwischen Mitte März und Mitte April dieses Jahres schon so viele Kurseinschreibungen und Teilnehmende verzeichneten wie im gesamten Jahr 2019“. Erhebliche Steigerungsraten habe auch openHPI registriert, die seit 2012 bestehende Internet-Lernplattform des Instituts zur Vermittlung digitalen Grundwissens für IT-Einsteiger und -Profis.

WHO bietet schon 18 Onlinekurse rund um Corona an – mit Hilfe aus Potsdam

Für die Weltgesundheitsorganisation WHO teilte die Bildungsverantwortliche Dr. Gaya Gamhewage mit, seit Januar 2020 sei die Zahl der auf der Plattform OpenWHO angemeldeten Lerner von rund 100.000 auf mehr als 4,5 Millionen gestiegen. Dazu hätten maßgeblich die 18 Onlinekurse zu Themen rund um die Covid-19-Erkrankung beigetragen, die mittlerweile in 41 Sprachen angeboten würden, so die Medizinerin der WHO aus Genf. Die kostenlosen Angebote auf der vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut betreuten Lernplattform könnten auch genutzt werden, wenn es keine Internetverbindung oder eine mit nur geringer Bandbreite gebe, so Gamhewage.

Forscher betont Vorteile der Online-Lehre, verneint aber deren Überlegenheit

Der spanische Bildungsforscher Prof. Carlos Delgado Kloos hob auf der virtuellen openHPI-Fachtagung vor allem diese Vorteile der Online-Lehre hervor:

•            Bei Vorlesungen können Studierende über den Chat-Kanal Erläuterungen erfragen, ohne den Vortragenden unterbrechen zu müssen

•            Spontane Gruppenarbeit ist leicht zu organisieren

•            Automatisches Untertiteln und sogar simultane Übersetzung können angeboten werden.

Der stellvertretende Rektor der Universität Carlos III in Madrid warnte allerdings vor der Annahme, dass Onlinekurse Präsenzveranstaltungen grundsätzlich überlegen seien. „Aber auch das Gegenteil ist nicht der Fall“, betonte Kloos. Jeder Modus habe seine positiven und negativen Aspekte.